20. Monsieur Claude und seine Töchter/Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu? (Komödie, Frankreich 2014, R: Philippe de Chauveron, D: Christian Clavier, Chantal Lauby, 97 Min.), Cinemaxx 4, Freitag, 25.07.2014

Nun ist der Publikumsrenner aus Frankreich endlich gestartet. Bei uns erhält er sowohl positive als auch negative Kritiken. An diesem regnerischen Sommerabend haben sich die Leute im vollbesetzten Kinosaal jedenfalls prächtig amüsiert, es kam sogar so richtig ausgelassene Berlinale-Stimmung auf.

Ohne Umschweife geht es gleich zur Sache, wir erleben im Schnelldurchlauf die Hochzeiten der Töchter des gutsituierten Ehepaars Marie (Chantal Lauby) und Claude Verneuil (Christian Clavier) aus Chinon. Isabelle (Frédérique Bel) heiratet den arabischstämmigen Rachid (Medi Sadoun), Odile (Julia Piaton) den Juden David (Ary Abittan) und Ségolène (Émilie Caen) den Chinesen Chao Ling (Frédéric Chau). Die Eltern machen gute Miene zum bösen Spiel. Im betulichen Chinon, das in der wunderschönen Touraine liegt, gehen die Uhren eben noch ein wenig langsamer. Nun ruhen ihre Hoffnungen auf der jüngsten Tochter Laure (Élodie Fontan). Möge wenigstens sie einen katholischen Franzosen ohne Migrationshintergrund ehelichen!

Dann verkündet Laure ihre Heiratspläne mit Charles (Noom Diawara). Zwar ist er immerhin Katholik, aber von schwarzer Hautfarbe. Nun sind selbst Laures Schwestern und ihre Ehemänner alarmiert. Den armen Eltern könne man unmöglich einen vierten exotischen Schwiegersohn zumuten! Aber auch Charles’ Eltern, insbesondere sein brummiger Vater André (Pascal Nzonzi), sind über eine weiße Schwiegertochter in spe nicht erfreut. Dennoch findet die Hochzeit unter dem blauen Himmel von Chinon auf dem großzügigen Anwesen der Verneuils statt. Die Eltern des Bräutigams reisen von der Elfenbeinküste an. Während sich die Mütter Marie und Madeleine (Salimata Kamate) schnell einig sind, treffen mit Claude und André zwei Streithähne aufeinander.

Konfliktpotential gibt es also genug, und das gibt dem Film Tempo und Würze. Rassismus hin, Rassismus her, jede Hautfarbe, Religion und Herkunft kriegt hier ihr Fett weg. Herrlich wohltuend ist das fehlende Korsett der politischen Korrektheit. Ein bisschen rassistisch sind wir doch schließlich alle, so heißt es im Film. Wenn es wie hier bei harmlosen Neckereien bleibt, ist das ja auch in Ordnung. Die Kehrseite der Medaille sind Hass und Gewalt, wie wir das gerade wieder verstärkt im Nahen Osten erleben.

Auch die Nebenrollen wie der wortkarge Psychologe (Élie Semoun) und insbesondere der konsumfreudige Pfarrer von Chinon (Loïc Legendre) tragen zur guten Unterhaltung bei. Lernt man sich erst einmal näher kennen, stellt man fest, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind, so lautet die Botschaft des Films. Außerdem trägt Alkohol zur Völkerverständigung bei, jedenfalls bei Claude und André. Das Ende ist mir ein bisschen zu rose bonbon, aber insgesamt ist der Film witzig, spritzig und damit genau das Richtige nach unserem gut begossenen Abendessen in der Pizzahütte und im Eiscafé. Sehenswert.

19. Wir sind die Neuen (Komödie, D 2014, R: Ralf Westhoff, D: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, 92 Min.), Cinemaxx 4, Freitag, 18.07.2014

Nach einem von Signor G. ausgerichteten veganen Picknick auf dem Rasensofa am Potsdamer Platz sind wir an diesem heißen Sommerabend im fast leeren Kinosaal gelandet. Anne (Gisela Schneeberger) muss nach vielen Jahren aus ihrer Wohnung raus. Da sie sich bei den heutigen Mietpreisen kein neues Domizil in der Stadt leisten kann, macht sie aus der Not eine Tugend: Eine Wohngemeinschaft ist die Lösung, und zwar will sie ihre Studenten-WG aus den späten Seventies wiederbeleben. Zwei ehemalige Mitbewohner lehnen geradewegs ab, aber der zurückhaltende Johannes (Michael Winterborn) und der Draufgänger Eddi (Heiner Lauterbach) sind mit von der Partie.

Zusammen beziehen die drei Jungsechziger eine geräumige Altbauwohnung. Über ihnen wohnen drei Studenten (Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg), die sogleich verlauten lassen, dass Ruhe und Ordnung zu herrschen hat, man müsse ja schließlich für die Prüfungen lernen. Das nehmen unsere junggebliebenen Senioren überrascht zur Kenntnis, hatten sie doch auf feuchtfröhliche Geselligkeit gehofft. Kein Wunder, konnte man vor 35 Jahren noch 18 Semester und länger an der Uni hocken, wird man heutzutage durch die knapp bemessene Regelstudienzeit viel schneller dem nährenden Busen der Alma Mater entwöhnt. Für Ausschweifungen bleibt da keine Zeit mehr, der Generationenkonflikt im Hause ist also vorprogrammiert.

Die Vorschau versprach lockere Unterhaltung, daher war ich über die bitteren Töne erstaunt. Verpasste Chancen klingen an, zerbrochene Beziehungen sowie gescheiterte Ideale. Natürlich ist auch jemand unheilbar erkrankt, das bleibt aber eine Randnotiz. Die Figuren lernt man viel zu wenig kennen, um sich mit ihnen zu identifizieren. Letztendlich ist unklar, weshalb die beiden Männer so schnell bereit sind, ihre eigenen Wohnungen und somit ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Im Film ist alles so einfach, man zieht mit zwei Bananenkartons voller Bücher mal eben so um, Jahrzehnte eines Lebens passen in ein einziges Zimmer.

Trotz aller Bemühungen kann man die guten alten Zeiten nicht aufleben lassen, denn das Leben mischt die Karten immer wieder neu. Natürlich kommt es zu einer Annäherung mit den jungen Leuten, was schließlich Sinn und Zweck des Films ist. Leider kann er sich nicht entscheiden, ob er nun eher lustig oder ernst sein will. Heraus kommt ein Gemischtwarenladen voller Klischees über die Gegensätze zwischen Jung und Alt, die brav abgearbeitet werden. Nur sind die Rollen hier umgekehrt: die disziplinierte Jugend trifft auf das chaotische Alter. Die deutsch-französische Koproduktion von 2011 Et si on vivait tous ensemble/Und wenn wir alle zusammenziehen ist um Klassen besser. Da der Film von der ARD mitproduziert wurde, wird er bald im Fernsehen laufen. Unterhaltsam ist er jedenfalls, damit gefällt er vielen und vergrätzt keinen und ist somit fürs Abendprogramm gleich nach der Tagesschau bestens geeignet. Annehmbar.

18. Edge of Tomorrow (Science-Fiction, USA 2014, R: Doug Liman, D: Tom Cruise, Emily Blunt, 113 Min.), Cinemaxx 10, Freitag, 11.07.2014

Erst haben wir in der Pizzahütte zwei tolle neue Sorten ausprobiert, dann sind wir endlich mal wieder ins Kino gegangen. Da es zur Zeit keine interessanten Neustarts gibt, haben wir uns für diesen Film entschieden, der schon seit dem 29. Mai läuft.

Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass das Militärische im Vordergrund steht und die Außerirdischen nur als Zielscheibe herhalten müssen. Tatsächlich sieht man zackige Märsche und martialisches Gerät, im Mittelpunkt steht allerdings ein geradezu unglaubliches Abenteuer, das unser Held wider Willen erlebt.

Die Menschheit ist in Gefahr durch eine Invasion der Außerirdischen! Die sogenannten Mimics sind unzählige blitzschnelle Tentakelwesen, die von Deutschland aus bereits ganz Europa eingenommen haben. Ganz Europa? Nein! Das britische Eiland widersetzt sich den Eindringlingen. Von London aus soll eine Großoffensive der vereinten Weltstreitkräfte über den Ärmelkanal nach Frankreich starten.

Hier treffen wir den degradierten und kurzerhand zum Kampfeinsatz abkommandierten Major Bill Cage (Tom Cruise). In einer transformerartigen Hightech-Montur steckend wird er aus dem Flugzeug mitten ins Gemetzel am Strand abgeworfen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen kämpft er ums Überleben und tötet zufällig einen ganz besonderen Außerirdischen, nämlich einen blauschillernden Alpha. Auch Cage kommt dabei ums Leben, trägt aber nun des Alphas Macht der Zeitzurücksetzung in sich.

Und täglich grüßt das Murmeltier, denn Cage ist nun in einer Zeitschleife gefangen. Immer wieder erwacht er am Tag vor dem Einsatz, bei dem er früher oder später ums Leben kommt, um kurz darauf wiederum vor dem Einsatz aufzuwachen. Er ist verwirrt und verängstigt, bis er die taffe Soldatin Rita Vrataski (Emily Blunt) trifft, die sein Schicksal teilt und bereits einen Schlachtplan entworfen hat. Im allgemeinen Kampfgetümmel nutzen die beiden die einzigartige Chance der Zeitschleife, um Mittel und Wege zu finden, den zahlenmäßig weit überlegenen Feind zu schlagen. Dazu müssen sie das Herzstück beziehungsweise das Omega der Außerirdischen vernichten. Die Mimics sind nämlich wie staatenbildende Insekten ganz und gar auf ihre Königin angewiesen.

Es ist wie im Videospiel, man lernt mit der Zeit dazu, vermeidet Sackgassen und kämpft sich voran - learning by doing sozusagen, Übung macht halt den Meister und auch die Meisterin. Aber nicht nur Außerirdischenbekämpfung, sondern auch Selbsterziehung findet hier statt, denn aus dem oberflächlichen Fatzke Bill Cage wird ein richtiger Held und letztendlich besserer Mensch.

Die Landung der vereinten Weltstreitkräfte in der Normandie erinnert an den D-Day anno 1944. Dann spielt ausgerechnet die Glaspyramide im Innenhof des Louvre eine wichtige Rolle. Dieses Bauwerk beflügelt die Fantasie von Schriftstellern und Drehbuchautoren ungemein, da kann man dem Architekten I. M. Pei nur gratulieren. In The Da Vinci Code - Sakrileg (Buch 2003, Film 2006) liegt unter dieser Pyramide das Grab von Maria Magdalena, je nach Definition Heilige, Hure oder Urmutter des Christentums.

Denken wir an World Invasion: Battle Los Angeles (2011) oder Battleship (2012) zurück, wo mit den Außerirdischen wahlweise Straßenkampf oder Schiffeversenken gespielt wird: Von diesen Gurken hebt sich dieser spannende und actionreiche Film wohltuend ab. Endlich sind wir mal wieder in den Genuss eines intelligenten Science-Fiction-Streifens ohne Familien- oder Patriotismusgedöns gekommen! Außerdem erleben wir einen überraschend guten Tom Cruise. Der Mann wird mit zunehmendem Alter immer besser. Sehenswert.

17. Maman und ich/Les garçons et Guillaume, à table! (Komödie, Frankreich/Belgien 2013, R: Guillaume Gallienne, D: Guillaume Gallienne, Françoise Fabian, 85 Min.), Cinemaxx 15, Freitag, 06.06.2014

Guillaume Gallienne ist uns noch aus dem wunderbaren Panoramabeitrag Yves Saint Laurent in lebhafter Erinnerung geblieben, in dem er Pierre Bergé, den Lebens- und Geschäftspartner des Modezaren verkörpert. Hier präsentiert er sich als Tausendsassa, denn er ist nicht nur für Drehbuch und Regie verantwortlich, sondern übernimmt auch noch eine Doppelrolle. Er verarbeitet sein eigenes Leben, insbesondere die Beziehung zur Mutter, und spielt demzufolge nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau Mutter.

Er stammt aus einem gutbürgerlichen Stall, in dem seine temperamentvolle Mutter das Zepter führt. Unter ihrer rauen Schale steckt ein weicher Kern, den Guillaume für sich einnehmen möchte. Im Gegensatz zu seinen sportbegeisterten, draufgängerischen Brüdern interessiert sich der sensible Junge für sogenannten Mädchenkram. Klar, dass er dadurch zum Außenseiter abgestempelt ist. Schutz und Geborgenheit sucht er bei seiner Mutter – leider meist vergebens. Da sie liebend gern eine Tochter gehabt hätte, behandelt sie ihn als solche, was ihn noch mehr isoliert und verunsichert.

Nein, leicht hat er es nirgendwo, weder zu Hause noch auf dem englischen Internat. Alle denken, besser über ihn Bescheid zu wissen als er selbst, und genau das ist sein Problem. Er wird in die homosexuelle Ecke gedrängt, was ihm aber auch nicht zusagt. Erst als er sich in eine Frau verliebt, wird er sich seiner Männlichkeit und vor allem Heterosexualität bewusst. Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass Geschlechterklischees nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Nicht alle Männer interessieren sich für Fußball und nicht alle Frauen ausschließlich für KKK (und damit meine ich nicht den Ku-Klux-Klan!).

Hier wird uns ein lauwarmer Aufguss der Geschlechterdiskussion geboten, der in den einschlägigen Zeitschriften hochgelobt wird und in Frankreich mit fünf Césars groß abgeräumt hat. Wahrscheinlich liegt es daran, dass man nun endlich über Guillaume Gallienne erfährt, was man schon immer wissen wollte und nicht zu fragen wagte. Diese Euphorie kann ich nicht teilen, da streckenweise gähnende Langeweile herrscht, auch wenn es zahlreiche lustige Szenen gibt, zum Beispiel die lockeren Sprüche (Champagner – Brause für die Menopause!) der leicht senilen Großmutter Babou (Françoise Fabian) oder die bajuwarische Kurklinik mit ihrem skurrilen Personal (Diane Kruger, Götz Otto). Insgesamt ist alles ganz nett, aber mehr auch nicht. Annehmbar.

16. Die zwei Gesichter des Januar/The Two Faces of January (Drama, Großbritannien/USA/Frankreich 2013, R: Hossein Amini, D: Viggo Mortensen, Kirsten Dunst, Oscar Isaac, 96 Min.), Delphi, Freitag, 30.05.2014

Dieser Film lief im diesjährigen Berlinale Special. Anno 1962 macht das elegante amerikanische Ehepaar Chester (Viggo Mortensen) und Colette MacFarland (Kirsten Dunst) auf der Akropolis in Athen die Bekanntschaft eines weiteren Amerikaners: Der fließend Griechisch sprechende Rydal Keener (Oscar Isaac) verdingt sich als Fremdenführer und zieht den unbedarften Touristen gern ein paar Dollar mehr aus der Tasche. Aber auch Chester hat keine weiße Weste, obwohl er meist eine anhat, denn er hat seinen Reichtum durch Anlagebetrug erworben.

Nach einem gemeinsamen Abend vergisst Colette im Taxi ihren güldenen Armreif, den Rydal ihr beflissen ins Hotel nachträgt. Natürlich hat er ein bis zwei Augen auf die attraktive Blondine geworfen! Dort wird er allerdings Zeuge, wie Chester gerade die Leiche eines Privatdetektivs aus dem Weg schafft. Wenige Minuten zuvor hat der Detektiv Chester mit vorgehaltener Waffe gestellt und ist beim anschließenden Handgemenge tödlich verletzt worden. Geistesgegenwärtig packt Rydal mit an. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Sie haben einige Stunden Vorsprung, bevor der Tote entdeckt wird. Schnellstmöglich müssen sie unauffällig das Land verlassen, am besten auf dem Seeweg über Kreta.

Durch seine Sprach- und Landeskenntnisse ist Rydal für die abenteuerliche Flucht gut gerüstet, außerdem wirkt er mit der Zeit immer sympathischer. Dahingegen bröckelt Chesters elegante Fassade zusehends. Er ist abhängig von Rydal und zugleich rasend eifersüchtig, denn längst hat er bemerkt, dass es zwischen seiner jungen Ehefrau und dem gleichaltrigen Mann heftig knistert. Er selbst entpuppt sich als alkoholisierter Wüterich, zerzaust und staubig. Die Katze lässt das Mausen nicht, also belauern sich die beiden Männer gegenseitig, keiner traut dem anderen. Die arme Colette muss in der prallen Sonne durch Ruinenlandschaften stapfen. So hat sie sich ihren Urlaub nicht vorgestellt! Längst steht ihre Beziehung zu Chester auf der Kippe. Vielleicht hat sie das Armband sogar absichtlich im Taxi liegenlassen. Wir werden es nie erfahren, da die Situation in den Ruinen von Knossos eskaliert.

Der Film besticht durch seine drei Hauptdarsteller Dunst, Isaac und Mortensen, die tapfer in den malerischen Ruinen der griechischen Antike herumkraxeln. Man denkt an Mr. Ripley, den talentierten, aber Anthony Minghellas Werk von 1999 bleibt unerreicht. Tom Ripley ist Chester MacFarland überlegen, denn er verlässt sich grundsätzlich nur auf sich selbst, während MacFarland durch seine Liebe zu Colette angreifbar ist. Trotz alledem kommt nicht so recht Spannung auf. Man müsste das Buch lesen, um festzustellen, ob es sich um einen der schwächeren Kriminalromane von Patricia Highsmith handelt. Annehmbar.

15. Godzilla (Action, USA 2014, R: Gareth Edwards, D: Aaron Taylor-Johnson, Ken Watanabe, 123 Min., 3D), Zoo Palast 2, Freitag, 23.05.2014

Die letzte Godzilla-Verfilmung vom Spielbergle Roland Emmerich liegt schon 16 Jahre zurück. Bis auf den Titelsong „Come With Me“ von Puff Daddy und Jimmy Page ist sie zu Recht in Vergessenheit geraten. Umso mehr waren wir auf diese Neuverfilmung gespannt, die verheißungsvoll beginnt. Durch einen Super-GAU in einem japanischen Atomkraftwerk wird eine ganze Stadt verstrahlt. Sofort denkt man an Fukushima. Die Strahlung erweckt auch ein insektoides Riesenmonster, genannt Muto, zum Leben, das 15 Jahre später dem Lockruf eines weiblichen Mutos folgend über den Pazifik fliegt, um an der Westküste der USA einzufallen. Daraufhin nimmt die Riesenechse Godzilla schwimmend die Spur dieses männlichen Mutos auf.

Mit ihrer Hochhausgröße sind diese Kreaturen wie Elefanten im Porzellanladen. Wo sie mit ihren Riesenfüßen hintreten, wächst kein Gras mehr. Sie richten verheerende Schäden an, erst auf Hawaii, dann in San Francisco. Die Zeit drängt, denn die Mutos müssen vernichtet werden, bevor sie sich vermehren und die menschliche Zivilisation bedrohen. Dabei erweist sich Godzilla als Helfer der Menschheit und Retter von San Francisco, was der Wissenschaftler Dr. Serizawa (Ken Watanabe) zwar frühzeitig erkennt, das Militär aber nicht einsehen will.

Der Held der Stunde heißt Ford (weder Ford Our God noch Harrison Ford, sondern Aaron Taylor-Johnson), der bei dem Atomunglück damals seine Mutter (Juliette Binoche leider nur in einer kleinen Rolle) verloren hat. Nun ist er passenderweise beim Militär und selbst Vater eines kleinen Sohnes. Zu seinem eigenen Vater (Bryan Cranston), einem Atomwissenschaftler, der damals wie heute vor den riesigen Urviechern warnt, hat er ein gespanntes Verhältnis. Als der Vater im verstrahlten Sperrgebiet verhaftet wird, fliegt Ford nach Japan, um ihn auszulösen. Genau zu der Zeit begibt sich der männliche Muto auf die Reise. Ford schließt sich den kämpfenden Truppen an, um sein Land und seine Familie zu beschützen.

Obwohl es an Action weiß Gott nicht mangelt, fließt die Handlung äußerst zäh dahin. Insbesondere die vielen militärischen Rumballerszenen sind langweilig. Eigentlich gute Schauspieler wie Ken Watanabe und Sally Hawkins bleiben farblos. Dazu klaffen im Drehbuch Logiklöcher von der Größe des Grand Canyon. Der Fokus liegt auf den Spezialeffekten allein, die zugegebenermaßen beeindruckend sind. Godzilla ist ein wahrlich knuffiges Monster, während seine beiden Gegenspieler so richtig fies daherkommen.

Es ist ärgerlich, dass wir mit diesem unverdaulichen Brei aus Patriotismus und Familienidealismus abgefüttert wurden. Was hätte man nicht alles aus diesem wunderbaren Stoff machen können, zum Beispiel eine kritische Betrachtung der Atomkraft, die ja diese Monstren und Mutationen erst hervorgebracht hat. Das hat man sich aber nicht getraut, da die USA nach wie vor auf die Kernenergie setzen, sondern ist lieber auf Nummer sicher gegangen, um Geld an den Kinokassen zu scheffeln. Anscheinend bringt niemand mehr eine ordentliche Neuverfilmung von Godzilla zustande. Ärgerlich.

14. Zulu (Thriller, Frankreich 2013, R: Jérôme Salle, D: Orlando Bloom, Forest Whitaker, 110 Minuten), Zoo Palast Club A, Freitag, 16.05.2014

Vor unserem Kinobesuch sind wir durch das im April wiedereröffnete Bikini-Haus gebummelt. Der lange Flachbau war ebenso wie das Ku’damm-Eck bereits zu West-Berliner Zeiten zu einem vernachlässigten Gruselkabinett mutiert. Damit ist es jetzt vorbei, denn das Ku’damm-Eck ist längst einem Neubauklotz gewichen, und das Bikini-Haus wurde entkernt und völlig neu gestaltet. Seinen Namen erhielt es übrigens durch die ursprünglich zwischen den Obergeschossen liegende Freiluftetage, die einen Einblick auf den dahinterliegenden Zoo freigab. Nun ist es ein ganz besonderes Einkaufszentrum geworden. Anstelle der üblichen Verdächtigen wird hier neben Kulinarischem viel künstlerisch Wertvolles oder wertvoll Künstlerisches angeboten, mehr zum Kucken als zum Kaufen. Die Dachterrasse bietet eine ruhige Oase mit Ausblick auf den Affenfelsen. Endlich hat unsere City West auch mal was Schönes bekommen. Kurz zum Kino: Im Clubkino zahlt man gesalzene 12 EUR für eine Karte, dafür sitzt man im kleinen Saal mit Wohnzimmeratmosphäre äußerst bequem mit breiten Armlehnen und Fußbank in der ersten Reihe, zudem kann man sich zu gepfefferten Preisen Getränke servieren lassen.

Nun endlich zum Film: In Kapstadt wird eine junge Frau ermordet aufgefunden, vollgepumpt mit der neuartigen Droge Tik. Außerdem verschwinden regelmäßig Straßenkinder. Gibt es etwa eine Verbindung zwischen diesen Fällen? Sofort nehmen die Polizisten Ali Sokhela, Brian Epkeen und Dan Fletcher die Ermittlungen auf. Die drei Männer verbindet eine enge Freundschaft, obwohl sie grundverschieden sind. Der Workaholic Ali (Forest Whitaker) vom Stamme der zähen Zulukrieger ist immer korrekt gekleidet zur Stelle, während Brian (Orlando Bloom) vom Stamme der Chaoten mit seinem unsteten Lebenswandel kurz vor der Suspendierung steht. Zwischen diesen beiden gegensätzlichen Polen ist Dan (Conrad Kemp) der nette Junge von nebenan, ein Familienmensch, dessen Frau an Krebs erkrankt ist.

Orlando Bloom darf hier endlich mal zeigen, dass mehr in ihm steckt als der – nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes – blasse Legolas aus Der Herr der Ringe. Die Geschichte um die verschwundenen Kinder und ermordeten Mädchen ist übrigens nur Beiwerk, denn eigentlich geht es um die beiden Hauptfiguren Ali und Brian, die den Zustand des Landes symbolisieren. Es ist ein Land der Gegensätze: Die reichen Weißen schotten sich in ihren Villenvierteln von der Außenwelt ab, die schwarzen Armen hausen in Bretterbuden. Analphabetismus, Drogensucht und Kriminalität bestimmen hier das Leben. Gewalt ist an der Tagesordnung und ein Menschenleben zählt nicht viel. Das wird insbesondere in der erschütternden Szene am Strand deutlich, als Ali mit seinen Kollegen in einen Hinterhalt gerät, während sie dabei sind, unglaubliche Machenschaften aufzudecken: Die Modedroge Tik resultiert aus biorassistischen Experimenten der dunklen Vergangenheit, deren Drahtzieher damals wie heute die Fäden in der Hand halten. Das wundert einen in dieser menschenverachtenden Atmosphäre überhaupt nicht.

Die Polizisten vertreten die Mittelschicht des Landes, die zwischen den Fronten steht und versucht, das Boot von Recht und Gesetz durch diesen Ozean von Drogen und Kriminalität zu steuern. Brian hält nur noch eine Fassade aufrecht und betäubt sich mit zahllosen Frauengeschichten, Tabletten und Alkohol. Ali leidet noch immer unter seinen während der Apartheid erlittenen körperlichen und seelischen Verletzungen. Wie sein Vorbild Nelson Mandela hat er sich der Vergebung und Versöhnung verschrieben, vor allem seiner betagten Mutter zuliebe, die sich unermüdlich für ein besseres Leben in den Townships einsetzt. Im Angesicht des Verbrechens fällt es Ali zunehmend schwerer, seinen Prinzipien treu zu bleiben.

Hat Mandelas Versöhnungspolitik die Gerechtigkeit vermissen lassen, wie es im Film anklingt? Immerhin hat sie ein Blutbad verhindert. Die Bilanz nach 20 Jahren Demokratie und Ende der Apartheid fällt bitter aus, da man einen gesellschaftlichen Zusammenhalt hier vergebens sucht. Die Geister der Vergangenheit sind noch quicklebendig. Ist Südafrika sogar ein gescheiterter Staat?

Nach der Vorschau hatte ich mit einem soliden, aber nicht so großartigen Film gerechnet, der nichts für Sensibelchen ist – Freigabe ab 18 - und den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute, also bis zum Showdown in den unendlichen Weiten der namibischen Wüste, in seinen Bann zieht. Die titelgebenden Zulu stellen übrigens die größte Bevölkerungsgruppe in Südafrika. Sehenswert mit Sternchen.

13. Auge um Auge/Out of the Furnace (Drama, USA 2013, R: Scott Cooper, D: Christian Bale, Casey Affleck, 116 Min.), Cinemaxx 17, Freitag, 25.04.2014

Den Bösewicht lernen wir gleich in der ersten Szene kennen. Nicht ohne Grund, denn Harlan DeGroat (Woody Harrelson) ist wandelndes Testosteron, ein Vulkan von einem Mann, unberechenbar und dadurch brandgefährlich. Man spürt förmlich die Angst, die in der Luft liegt, wenn dieser kriminelle, drogensüchtige Hinterwäldler auftritt. Wer sich mit ihm einlässt, kann sich seines Lebens nicht mehr sicher sein, denn der gewalttätige DeGroat ist in jeder Hinsicht skrupellos.

Christian Bale, den wir gerade noch mit Toupet und Plauze in American Hustle gesehen haben, ist hier wieder drahtig wie eh und je. Respekt, Mr Bale! Er spielt den Industriearbeiter Russell Baze, der im Stahlwerk des pennsylvanischen Städtchens Braddock seine Brötchen verdient. Das Stahlwerk dominiert die Stadt mit seinem Rauch aus den vielen Schornsteinen. Gleichzeitig ernährt es als Hauptarbeitgeber die Menschen. Hier führt man ein hartes und einfaches Leben in kleinen, schlecht isolierten Holzhäusern und fährt Autos, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Rodney Baze (Casey Affleck) ist nicht so vernünftig und brav wie sein großer Bruder. Er erwartet mehr vom Leben, geht ins Wettbüro und nimmt an illegalen Faustkämpfen teil, alles in der Hoffnung auf Spiel, Spaß, Spannung und natürlich Geld.

Durch viele kleine Details erschließt sich das große Ganze: In der kurzen Szene mit dem sterbenskranken Vater wird der liebevolle Zusammenhalt innerhalb der Familie deutlich. Der Hinweis auf den frühen Tod der Mutter erklärt, dass sich Russell seitdem für seinen jüngeren Bruder verantwortlich fühlt. Dazu gehört auch das Begleichen von Rodneys Spielschulden beim sympathischen Gangster John Petty (Willem Dafoe).

Als Russell aufgrund eines von ihm verschuldeten schweren Verkehrsunfalls einige Zeit ins Gefängnis muss, kann er seinen Bruder nicht vor weiteren Schulden bewahren. Daraufhin lässt sich Rodney auf einen vermeintlich lukrativen Kampf mit einem Gegner aus DeGroats Entourage ein, was sich als tödliche Falle entpuppt. Russell ist verzweifelt und wütend zugleich. Er sinnt auf Rache: Der fiese Schurke Harlan DeGroat soll für seine Missetat büßen! „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn“, so steht es in der Bibel. Dabei ist Russell von Natur aus kein gewalttätiger Mensch, wie es die Jagdszene, in der er einen Hirsch verschont, illustriert.

Der Film spielt im Jahre 2008, wie wir dem Grabstein von Russells Vater entnehmen können (1940-2008). Stahl wird in Braddock, Pennsylvania längst nicht mehr gekocht. Wenn der größte Arbeitgeber dichtmacht, sind die Tage der Stadt gezählt. Die Menschen ziehen nach und nach weg, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Zurück bleiben die Hoffnungslosen, die nirgendwo eine Zukunft haben. Ein Beispiel dafür ist Rodney Baze. Traumatisiert und desillusioniert ist er aus dem Irakkrieg zurückgekehrt. Im Stahlwerk arbeiten wie die Männer seiner Familie, das will er nicht, einen anderen Job findet er auch nicht.

Wir erleben den Abgesang auf die Arbeiterklasse in Industriestädten, die in den USA wie auch bei uns immer mehr dezimiert wird. Denken wir nur an Detroit, die einst legendäre Motor City. In Asien ist es halt billiger, also werden die klassischen Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe dorthin verlagert. Die Gegenwart in Städten wie Braddock ist schon traurig genug, aber das Schlimmste ist, dass es dort keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt.

Wer aufgrund des biblischen Filmtitels einen reinen Actionfilm mit viel Geballer erwartet hat, wird enttäuscht sein. Wenn man sich auf das Tempo dieses von Leonardo DiCaprio mitproduzierten Rachedramas, das gemächlich und sorgfältig auf den Showdown im Stahlwerk hinarbeitet, einlassen kann, wird man begeistert sein. Sehenswert mit Sternchen.

12. Antboy (Fantasy, Dänemark 2013, R: Ask Hasselbalch, D: Oskar Dietz, Nicolas Bro, 80 Min.), Moviemento 2, Ostermontag, 21.04.2014

Der 12jährige Pelle (Oskar Dietz) hat’s nicht leicht. In der Schule fällt der schüchterne Junge kaum auf, die Pausen verbringt er allein. Er kommt sich vor wie eine kleine Ameise im großen Ameisenhaufen. Dabei hat er ein Auge auf Amanda (Cecilie Alstrup Tarp), das beliebteste und hübscheste Mädchen der Klasse geworfen, die ihn natürlich überhaupt nicht beachtet.

Eines Tages versteckt er sich auf der Flucht vor den Terror-Zwillingen in einem verwilderten Garten und wird von einer genmanipulierten Ameise gebissen, die ihre Eigenschafen auf ihn überträgt. Von nun an ist er bären- bzw. ameisenstark, kann Säure pinkeln und einfach so die Wände raufklettern. Er hat Heißhunger auf Süßes, um seine Superkräfte aufzuladen. Schulkamerad und Superheldenspezialist Wilhelm (Samuel Ting Graf) erkennt sofort, was Sache ist und verhilft Pelle zum entsprechenden Outfit: Antboy steht zur Weltrettung bereit!

Die Verbrechensbekämpfung beschränkt sich in dieser idyllischen dänischen Kleinstadt allerdings auf einen einzigen Taschendieb und die Terror-Zwillinge. Alle lieben Antboy, und unser Superheld sonnt sich in seinem Ruhm. Die schöne Amanda beachtet ihn endlich!

Die Karten werden neu gemischt, als sich ein gefährlicher Gegenspieler und weiterer Superheld manifestiert: Dr. Gaemelkra (Nicolas Bro) alias der Floh - Loppen auf Dänisch - entführt aus lauter Verbitterung über Gott und die Welt die Tochter seines ehemaligen Chefs, und das ist ausgerechnet Amanda. Ihre Zwillingsschwester Ida (Amalie Kruse Jensen) alarmiert Antboy. Nur er kann jetzt noch helfen! Unterstützt von Wilhelm und Ida nimmt Antboy den Kampf gegen den Floh auf.

In diesem entzückenden dänischen Kinderfilm mit den üblichen Superheldenfilmzutaten, also Sidekick, Angebetete und Gegenspieler, geht es in erster Linie um Freundschaft. Pelle gewinnt durch seine Superheldenrolle an Selbstvertrauen. Dadurch lernt er, zwischen einfachen Bewunderern wie der eitlen Amanda und wahren Freunden wie der taffen Ida sowie dem cleveren Wilhelm zu unterscheiden.

Wie bereits in meiner Kinokritik zur Doppelsitzung vom 22.06.2013 erwähnt, wurde das Moviemento am Kottbusser Damm im Jahre 1907 eröffnet und gilt als ältestes Kino Berlins und Deutschlands. Das merkt man am würzigen Aroma der Teppiche, dafür sind die Toiletten sowie die Eintrittskarten modern. Übrigens existiert der sudanesische Imbiss im benachbarten Pavillon nicht mehr, dort residiert jetzt ein Döner-Laden. Zum Ausklang der Osterfeiertage haben wir im Escados ein Wiener Schnitzel de luxe verdrückt. Sehenswert.

11. Nymphomaniac II (Drama, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Belgien/Großbritannien 2013, R: Lars von Trier, D: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, 124 Min.), Moviemento 1, Ostermontag, 21.04.2014

Auf der Berlinale haben wir bereits Nymphomaniac I in der ungekürzten Version gesehen. Klar, dass wir uns nun auch noch den zweiten Teil der Nymphomaninnen-Saga zu Gemüte führen. Hier geht’s in der Tat richtig zur Sache, wie es am Ende des ersten Teils angedeutet wird. Während dort die Lust an der Lust im Vordergrund steht, ist der zweite Teil dem Schmerz an der Lust beziehungsweise der Lust am Schmerz gewidmet.

In der Rahmenhandlung fährt Joe (Charlotte Gainsbourg) fort, dem einsamen Bücherwurm Seligman (Stellan Skarsgard) ihre Geschichte zu erzählen. Zur Erinnerung: Seligman hatte die schwerverletzte Joe aufgelesen und pflegt sie nun in seiner Wohnung gesund. Sie schildert ihm ihr Leben, in dem die Sexualität die alles beherrschende Kraft ist. Man ahnt, dass Seligman in dieser Hinsicht völlig unerfahren ist, er bezeichnet sich selbst als asexuell.

Zurück zu Joes Geschichte: Inzwischen lebt sie mit Jerôme (Shia LaBeouf) zusammen und ist Mutter eines kleinen Sohnes. Ihre Orgasmusfähigkeit hat sie eingebüßt, was sie an den Rand der Verzweiflung bringt, da sie sich ihres Lebensinhaltes beraubt fühlt. Nun beginnt ihr schmerzhafter Kreuzweg, auf dem sie schließlich Mann und Kind zurücklässt, um Heilung beim Sadisten K (Jamie Bell) zu finden, der ihren strapazierten Hintern mit Reitgerten und Peitschen bearbeitet.

Während der erste Teil bunt und schrill ist und vor allem sexuellen Übermut ausstrahlt, ist der zweite Teil wesentlich ernsthafter und von den Leiden Joes geprägt. Ihr Geschlecht ist zur offenen Wunde und das Nymphomaninnendasein zur Qual geworden. Auch wird Joe menschlich immer mehr isoliert. Ihre junge Novizin P (Mia Goth) wendet sich gegen sie getreu dem spanischen Sprichwort „Züchte Raben und sie kratzen dir die Augen aus!“, indem sie sich sogar mit Jerôme verbündet, um Joe zu demütigen.

Die Botschaft des Films wird von Seligman formuliert: Eine sexsüchtige Frau, die zudem ihr Kind im Stich lässt, wird von der Gesellschaft viel schärfer verurteilt als ein Mann, der Tausende von Frauen flachlegt. Sie ist eine Schlampe, er gilt als toller Hecht. Eine Nymphomanin wird ausgeschlossen, da die Gesellschaft alles verdrängt, womit sie nicht umgehen kann. Es wird übrigens im Abspann darauf hingewiesen, dass die expliziten Sexszenen mit sogenannten Sex Doubles gedreht wurden.

Das heftige Ende in Seligmans Wohnung versöhnt mich damit, dass Volume II wie auch schon Volume I streckenweise langatmig ist. Nur so viel sei verraten: Wie der Jagdinstinkt einer Katze, die nach jahrelanger Wohnungshaltung immer noch in der Lage ist, Mäuse und Vögel zu fangen, bleiben auch die Instinkte des Menschen intakt. Als Sahnehäubchen haucht Charlotte Gainsbourg im Abspann „Hey Joe“ ins Mikrofon, für mich die beste Cover-Version dieses Folksongs überhaupt. Sehenswert.

10. Noah (Drama, USA 2014, R: Darren Aronofsky, D: Russell Crowe, Jennifer Connelly, 138 Min., 3D), Cubix 5, Karfreitag, 18.04.2014

Passenderweise sind wir am Karfreitag in einem Bibelfilm gelandet, wenn auch im Alten Testament. Die Arche Noah ist selbst den weniger Bibelfesten ein Begriff. Diese Geschichte könnte anstatt in der tiefsten Vergangenheit ebenso gut als Endzeitdrama in der Zukunft spielen. Längst sind wir Menschen vom rechten Weg abgekommen beziehungsweise sind wir nie so richtig auf dem Pfad der Tugend gewandelt. Nicht umsonst mussten wir das Paradies verlassen. Von da an ging es nur noch bergab mit uns. Wir beuten uns gegenseitig und unseren Planeten aus. Unser Schöpfer hatte damals und hätte wieder guten Grund, uns per Sintflut auszulöschen. Gegen die Naturgewalten sind wir nach wie vor machtlos, in dieser Hinsicht hat sich in den letzten Jahrtausenden nichts geändert.

Anthony Hopkins verkörpert in seiner Nebenrolle als Methusalem eine schlitzohrige Altersweisheit, während Noah (Russell Crowe) eine Wandlung vom tugendhaften Mahner bis zum gewaltbereiten Tyrannen durchmacht, vor dem sich seine Frau (Jennifer Connelly) und die drei Söhne Sem (Douglas Booth), Ham (Logan Lerman) und Japhet (Leo Mc Hugh Carroll) nebst Schwiegertochter auf dem begrenzten Platz der Arche inmitten des Ozeans fürchten. Noah plant das Ende der Menschheit, denn so hat er Gottes Auftrag verstanden. Nach dem Ableben seiner Familie soll es keine neue Generation mehr auf Erden geben. Das ist allerdings gegen die Natur des Menschen, dessen Überlebensinstinkt dafür sorgt, dass auch die schlimmsten Katastrophen und Hungersnöte überstanden werden können. Erst als Noah im Begriff ist, seine neugeborenen Enkelinnen im Arm seiner Schwiegertochter (Emma Watson) zu erdolchen, kommt er zur Besinnung.

Jedenfalls beherzigt die Menschheit Noahs Schlussworte: Seid fruchtbar und mehret euch – 7 Milliarden Erdenbürger sind wir bereits. Die Botschaft des Films lautet, dass es irgendwie immer weitergeht und dass die Hoffnung auf bessere Zeiten bestehen bleibt. Das Leben an sich kennt kein Ende, sondern nur Erneuerung durch Kinder, Kindeskinder oder Wiedergeburt. Der Regisseur weicht von der Bibelvorlage ab, indem er diese uralte Geschichte mit modernen Aspekten inklusive Kostümen und einem blinden Passagier auf der Arche (Ray Winstone) versieht. Dazu dröhnt die Musik bedrohlich im Hintergrund. Dennoch herrscht trotz der beeindruckenden Effekte mit den Felsenmonstern und der staubtrockenen Landschaft, die in den Wassermassen versinkt, größtenteils Langeweile während der über zweistündigen Laufzeit. An seine letzten großartigen Filme The Wrestler (2008) und Black Swan (2010) kann Darren Aronofsky leider nicht anknüpfen. Zwiespältig.

9. American Hustle (Komödie, USA 2013, R: David O. Russell, D: Christian Bale, Bradley Cooper, 138 Min.), Cinemaxx 11, Freitag, 11.04.2014

Da der Film schon seit der Berlinale läuft, haben wir uns nach unserem Abendessen in der Pizzahütte und im Eiscafé dafür entschieden, bevor er aus den Lichtspieltheatern verschwindet. Anno 1978 ist der Trickbetrüger Irving Rosenfeld mit seiner Geliebten Sydney Prosser alias Lady Edith Greensley gut im Geschäft. Sie betätigen sich auf dem Gebiet des Kreditbetrugs, indem sie ihren klammen Opfern gegen eine großzügige Gebühr hohe Geldbeträge versprechen – ein Versprechen, das natürlich nie eingelöst wird! Als sie in die Fänge des FBI-Agenten Richie DiMaso geraten, werden sie zur Mitarbeit gezwungen, um den angeblich korrupten Bürgermeister von New Jersey, Carmine Polito (Jeremy Renner), zur Strecke zu bringen. Mit einem FBI-Agenten in der Rolle eines investitionsbereiten Scheichs (Michael Pena) soll Polito in die Falle gelockt werden. Rosenfeld und Prosser scheinen sich in ihr Schicksal zu fügen und spielen mit. Allerdings trügt der Schein, und sowieso kommt alles anders, als man denkt.

Die Figuren und ihre dazugehörigen Schauspieler sind einfach großartig. Ebenfalls erwähnenswert sind die Kostüme im Look der späten Siebziger sowie das Make-up mit blauem Lidschatten und rotglossigen Lippen. Christian Bales Irving Rosenfeld ist eine Augenweide im negativen Sinne mit seiner Plauze, die sich unter dem gestreiften Hemd wölbt. Sein Toupet klebt er auf dem Kopf fest, bevor er die Resthaare darüber kämmt und das Ganze mit viel Haarspray fixiert. Dazu passt sein waidwunder Blick, der seine Verschlagenheit maskiert. Bravo, dass Christian Bale Mut zur Hässlichkeit beweist! Amy Adams als Trickbetrügerin Sydney Prosser alias Lady Edith Greensley überzeugt chamäleongleich in jeder Rolle. Dabei wirkt sie trotz der roten Wallemähne und des bauchnabeltiefen Dekolletés zart und verletzlich, aber wir wissen ja, dass der Schein trügt! Jennifer Lawrence zeigt als Irving Rosenfelds Schlampe von Ehefrau Rosalyn wieder einmal ihr großes Talent. Besonders gut gefallen hat mir Bradley Cooper als FBI-Agent Richie DiMaso, der sich für den tollsten Hecht im Karpfenteich hält. Allerdings wohnt er noch im Hotel Mama und dreht die Haare mühevoll auf Dutzende von kleinen Lockenwicklern, um den Minipli-Look zu erhalten.

Überhaupt sind die Frisuren bemerkenswert, denn am Ende der 70er Jahre geht ohne Lockenwickler gar nichts: Ob gewellt, gelockt oder toupiert, das Haar sitzt festbetoniert bei Regen, Wind und Sonne, wie uns die berühmte Werbung für das Drei-Wetter-Haarspray seinerzeit suggerierte. Zu schade, dass zwischen den zahlreichen guten Szenen immer wieder gähnende Langeweile herrscht. An der Überlänge leiden auch eigentlich gute Filme wie The Wolf of Wall Street und 12 Years a Slave. Insgesamt lebt dieser Film von seiner Atmosphäre - inklusive Musik von den Bee Gees, Donna Summer, David Bowie, ELO, Elton John, um nur einige zu nennen - die die Spätsiebziger aufleben und uns vor Nostalgie aufseufzen lässt. Diskussionswert.