Marionnetje

Marionnetje

Meine Filme 2014

Von meinen insgesamt 31 Filmen waren 2 herausragend, 3 sehenswert mit Sternchen, 13 sehenswert, 6 diskussionswert, 5 annehmbar, 1 zwiespältig und 1 ärgerlich.

31. Wie in alten Zeiten/The Love Punch (Komödie, Großbritannien 2013, R: Joel Hopkins, D: Pierce Brosnan, Emma Thompson, 95 Min.), Cinemaxx 12, Freitag, 17.10.2014

Wer rastet, der rostet, und so blickt der Londoner Unternehmer Richard (Pierce Brosnan) mit gemischten Gefühlen seinem bevorstehenden Ruhestand entgegen. Von seiner attraktiven Frau Kate (Emma Thompson) lebt er seit seinen Affären mit jungem Gemüse getrennt. Die beiden Kinder sind längst flügge, und seine Firma hat er gerade verkauft. Allerdings entpuppt sich der neue Eigentümer als Heuschrecke, nur darauf erpicht, das Unternehmen auszusaugen. Richards Lebenswerk ist zerstört, da Jobs und Pensionsfonds auf einmal nicht mehr existieren. Die Lage ist ernst, denn nun droht ihm Armut im Alter anstatt Langeweile auf dem Golfplatz.

Also fährt Richard nach Paris, um die Heuschrecke Vincent (Laurent Lafitte) in ihrem Glaspalast zur Rede zu stellen und sein Geld zurückzufordern. Kate nimmt er mit, da ihre Altersvorsorge ebenfalls betroffen ist und sie sowieso besser Französisch spricht als er. Eigentlich liebt er Kate immer noch und bedauert schon längst die Trennung. Kate geht es ebenso. Wie erwartet hat Vincent kein Gewissen und fertigt die beiden in Nullkommanix ab.

Nun fahren Richard und Kate schweres Geschütz auf, um ans Ziel zu kommen. Sie wollen sich bei der bevorstehenden Hochzeit des Bösewichts auf einem Schloss im malerischen Südfrankreich einschleichen, um dort das Auge des Regenbogens, einen äußerst wertvollen Diamanten, den die Braut tragen wird, zu entwenden, als Entschädigung sozusagen. Dazu brauchen sie die Unterstützung ihrer alten Freunde Penelope (Celia Imrie) und Jerry (Timothy Spall), die sofort aus good old England anreisen. Die vier Musketiere stürzen sich ins Abenteuer, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Es wird getaucht und geklettert, natürlich sind auch Verkleidungen mit im Spiel. Als Running Gag gibt es immer wieder Anspielungen auf Pierce Brosnans filmische Vergangenheit im Geheimdienst Ihrer Majestät. Richard trinkt natürlich Martini geschüttelt, nicht gerührt, und posiert mit der Pistole ganz wie auf den 007-Filmplakaten. Hintergrundmusik à la James Bond ertönt, als unsere vier Helden den Felsen zum Schloss erklimmen.

Der Film ist ganz auf seine sympathischen Hauptdarsteller zugeschnitten, die wunderbar miteinander harmonieren. Es gibt durchaus ein Leben nach James Bond, wie bereits Sean Connery zeigte, als er für Der Name der Rose (1986) in die Mönchskutte schlüpfte. Emma Thompson gewinnt sowieso mit zunehmendem Alter. Die Schau stiehlt ihnen ab und zu Timothy Spall als Sidekick Jerry, dessen abenteuerliche Vergangenheit unter anderem in der Fremdenlegion für Überraschung sorgt.

Lockere und leichte Unterhaltung wird hier geboten, mehr Anspruch hat der Film auch nicht. Dazu passt Frankreich als Kulisse, denn so kommt Urlaubsstimmung auf. Das rasante Tempo gönnt dem Zuschauer keine Atempause, was sich der Regisseur von Billy Wilder in Manche mögen’s heiß (1959) abgeschaut hat. Dass dabei ordentlich übertrieben wird, nimmt man gern in Kauf. Trotz der durchwachsenen Kritiken hat uns der Film gefallen. Gut gelaunt wurden wir ins Lichterfest von Berlin entlassen. Sehenswert.

30. Who Am I – Kein System ist sicher (Thriller, Deutschland 2014, R: Baran bo Odar, D: Tom Schilling, Elyas M’Barek, 106 Min.), Zoo Palast 4, Freitag, 10.10.2014

Kein System ist sicher und Dreistigkeit siegt, denn der Mensch ist von Natur aus gutgläubig und konfliktscheu. Social Engineering, so lautet das Motto des Draufgängers Max (Elyas M’Barek), der mit seinen Freunden, dem ausgeflippten Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem besonnenen Paul (Antoine Monot Jr.) als Hacker das Internet aufmischt. Als der schüchterne Einzelgänger Benjamin (Tom Schilling), seines Zeichens Maschinensprachenexperte, dazustößt, geht die Post so richtig ab. In erster Linie will Benjamin seinen Jugendschwarm Marie (Hannah Herzsprung) beeindrucken beziehungsweise überhaupt erst einmal von der attraktiven Studentin wahrgenommen werden. Und nun hat er auch noch Freunde gefunden, ein angenehmer Nebeneffekt.

Unter dem Namen Clay starten sie einige Spaßaktionen, die ein begeistertes Publikum finden. Um endlich in der ersten Hacker-Liga mitzuspielen, knacken sie den Server des Bundesnachrichtendienstes und geben streng geheimes Material im Darknet an ihr großes Idol MRX weiter, um dessen Anerkennung sie schon länger buhlen. Das ist ein Fehler, denn mit MRX ist nicht gut Kirschen essen. So wird ein für den BND tätiger Hacker ermordet, was die Fahnder der Abteilung Cyberkriminalität von Europol unter der Leitung von Hanne Lindberg (Trine Dyrholm) auf den Plan ruft. Aus einem harmlosen Freizeitspaß ist somit gefährlicher Ernst geworden.

Der Film beeindruckt durch sein flottes Tempo, den wummernden Elektro-Soundtrack und die düstere, geheimnisvolle Atmosphäre, in die Berlin getaucht wird. Besonders gelungen ist die Darstellung des Darknets: In einem zwielichtigen U-Bahn-Waggon tummeln sich die maskierten Hacker und tauschen Informationen aus, und zwar ganz altmodisch per Brief oder Päckchen. Ein Trojaner wird natürlich als Holzpferdchen überreicht.

Den Protagonisten Benjamin schließt der Zuschauer ins Herz, da er durch den frühen Tod der Mutter ein schweres Los zu tragen hatte. Er war ein einsames Kind, das Trost am Computer fand. Mit seiner fürsorglichen Art gegenüber seiner demenzkranken Großmutter denkt man, er könne kein Wässerchen trüben. Trügt der Schein, hat seine Geschichte Lücken, die so groß sind wie der Todesstern? Man wird ganz schön an der Nase herumgeführt und weiß nicht, was man glauben soll. Genau solche Drehungen und Wendungen machen einen guten Thriller aus, sodass man die ganze Zeit gebannt im Kinosessel sitzt. Selektive Wahrnehmung, so lautet das Zauberwort und genau so funktionieren Zaubertricks, denn wir sehen nur, was wir sehen wollen.

Donnerwetter, endlich kommt mal ein wuchtiger Thriller aus deutschen Landen. Der ließe sich sicher auch gut international vermarkten, das Thema der Parallelwelt im Internet ist jedenfalls brandaktuell. Faszinierend und beunruhigend zugleich, was man alles im Cyberspazio anstellen könnte, wenn man nur Ahnung von der Materie hätte.

Der an diesem Freitagabend gut besuchte Kinosaal 4 ist eine Wohltat mit seinen bequemen Sesseln nebst breiten Armlehnen sowie viel Beinfreiheit. Man sitzt nicht Podex an Podex mit seinen Nachbarn wie in anderen Kinos. Die luce e musica Einstimmung erinnerte an längst vergangene Lasershowzeiten im alten Zoopalast. Übrigens waren die Pizzen in unserer heißgeliebten Pizzahütte heute besonders fluffig und üppig belegt. Sehenswert mit Sternchen.

29. Phoenix (Drama, Deutschland 2014, R: Christian Petzold, D: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, 98 Min.), Delphi, Sonnabend, 04.10.2014

Tragische Frauenfiguren stellt Christian Petzold gern in den Mittelpunkt, und zwar mit seiner actrice fétiche Nina Hoss in der Hauptrolle. Nach der Kapitalismuskritik in Yella (2007) und dem DDR-Drama Barbara (2012) geht es nun weiter zurück in die Zukunft pardon in die deutsche Vergangenheit.

Wir befinden uns kurz nach Kriegsende im August 1945. Die jüdische Sängerin Nelly (na klar: Nina Hoss) kehrt aus den Konzentrationslagern in die Trümmerstadt Berlin zurück, ihr zerstörtes Gesicht ist in einen dicken Verband eingehüllt. Lene (Nina Kunzendorf) von der Jewish Agency kümmert sich um sie bis zur Auswanderung nach Palästina. Nelly hat ihre gesamte Familie verloren, aber immerhin ist sie nun Erbin eines stattlichen Vermögens. Zuallererst lässt sie eine Gesichtsrekonstruktion in einer Privatklinik vornehmen. Im Gegensatz zu den anderen Patienten will sie so aussehen wie früher, was allerdings nur annähernd möglich ist.

Der Auswanderung steht sie eher zögerlich gegenüber. Viel lieber möchte sie ihren nichtjüdischen Ehemann Johannes, genannt Johnny (Ronald Zehrfeld), wiederfinden, an dem ihr Herz nach wie vor hängt. Als Pianist ist Johnny im amerikanischen Nachtclub Phoenix schnell auszumachen. Allerdings erkennt er seine Ehefrau, die er 1943 vor ihrer Verhaftung zuletzt gesehen hat, nicht wieder.

Wie ist das nur möglich, so fragt man sich. Steht und fällt das Wiedererkennen mit dem Gesicht? Sicher, Nellys Schönheit und Haltung haben stark gelitten, so hat sie sich einen schleppenden Gang angewöhnt. Aber selbst die identische Handschrift lässt Johnny nicht aufmerken. Liegt es daran, dass er so sehr von Nellys Tod überzeugt ist, dass er ihr Überleben einfach nicht zulassen will und kein Argument gelten lässt?

Und es kommt noch schlimmer: Mittels der frappierenden Ähnlichkeit der vermeintlich Fremden will er sich das beträchtliche Erbe seiner Frau unter den Nagel reißen. Der verblüfften Nelly bietet er 20.000 Dollar, wenn sie sich als seine Frau ausgibt. Allerdings dürfe sie nicht als zerstörte Lagerinsassin daherkommen, sondern müsse als strahlende Schönheit von einst wieder auferstehen, wie Phönix aus der Asche sozusagen. Dafür müsse man sie wieder herrichten mit allem Drum und Dran.

Nelly lässt sich darauf ein. Warum nur macht sie mit, das fragt sich der geneigte Zuschauer. Es ist ein Weg, um zu sich selbst zurückzufinden, denn keiner war ihr einst so nah wie Johnny. Und nur er kann ihr helfen, ihr Aussehen und ihre Persönlichkeit wiederzuerlangen. Allein schafft sie das nicht. Mit ihrem Gesicht hatte sie auch ihre Identität eingebüßt. Den Körper kann man einigermaßen rekonstruieren, aber die Seele ist nicht so einfach zu reparieren. Dann erfährt Nelly, dass Johnny sich damals keineswegs wie ein treusorgender Ehemann verhalten hat. Macht sie weiterhin gute Miene zum bösen Spiel?

Der Regisseur gibt nur wenig über seine Figuren preis und überlässt es dem Zuschauer, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Das ist an sich nicht schlecht, aber die Informationsarmut führt zur Langeweile im einstündigen Mittelteil. Wäre dieser nicht so fürchterlich langatmig ausgefallen, wäre es ein richtig guter Film geworden, denn der halbstündige Anfang und das knappe, zehnminütige Ende überzeugen. Leider drückt Nina Hoss zu sehr auf die Tränendrüse, irgendwann ist man ihres leidenden Gesichtsausdrucks und ihrer zögerlichen Bewegungen überdrüssig. Schade, aus dem hochinteressanten Thema hätte man mehr machen können. An die Qualität von Barbara kann Christian Petzold nicht anknüpfen. Diskussionswert.

28. Edipo Re (Drama, Italien 1967, R: Pier Paolo Pasolini, D: Franco Citti, Silvana Mangano, 104 Min.), Arsenal 1, Donnerstag, 02.10.2014

Im November jährt sich Pasolinis Todestag zum 39. Mal. Leben und Werk von Pier Paolo Pasolini (05.03.1922-02.11.1975) werden noch bis Anfang Januar 2015 in einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau gewürdigt, die ich mir unbedingt anschauen muss. Parallel dazu läuft im Arsenal eine Pasolini-Retrospektive. Am Vorabend des Nationalfeiertags war sie gut besucht. Auch ich habe die Gelegenheit genutzt, um diesen großartigen Film, den ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte, im Lichtspieltheater zu erleben.

Die tragische Geschichte des Ödipus, der seinen Vater tötet und seine Mutter ins Ehebett führt, kennt jeder. PPP verlegt sie in die Gegenwart und gibt ihr eine autobiografische Note, denn die Liebe zu seiner Mutter Susanna und die Rivalität mit seinem Vater, dem Berufsoffizier Carlo Alberto Pasolini, bestimmten sein eigenes Leben.

Anfang der 20er Jahre kommt in Norditalien Ödipus zur Welt, der von seiner Mutter innig geliebt und von seinem rasend eifersüchtigen Vater, einem Offizier, schließlich ausgesetzt wird. Nun wird die Handlung in die karge Gerölllandschaft Marokkos versetzt. Man spürt förmlich die flirrende Hitze, die in dieser Gegend herrscht. Diese einzigartige Atmosphäre mit den bizarren Kostümen lässt die Geschichte zeitlos wirken: Trug man solche bunten Gewänder und Masken in tiefster Vergangenheit, oder handelt es sich um afrikanische Stammesfolklore? Die klobigen Waffen und Helme sowie der Schmuck scheinen geradewegs aus der Eisenzeit zu stammen. Archaische und folkloristische Elemente werden zu einem abenteuerlichen Mix kombiniert. Die grobgestrickten Gewänder nebst breitkrempigen Hüten erinnern an eine süditalienische Schäferidylle.

Zurück zu Ödipus: Das arme, ausgesetzte Wurm überlebt, wird in Korinth herzlich aufgenommen und vom Herrscherpaar Polybos (Ahmed Belhachmi) und Merope (Alida Valli) liebevoll aufgezogen. Die Jahre vergehen. Als der erwachsene Ödipus (Franco Citti) von Albträumen geplagt wird, befragt er das Orakel von Delphi. Bekanntermaßen fällt der Orakelspruch alles andere als beruhigend aus! Da er nicht weiß, dass er ein Findelkind ist, traut sich der verzweifelte Ödipus nicht nach Hause zurück, sondern macht sich auf in die Fremde. Auf dem Weg nach Theben begegnet er Laios (Luciano Bartoli), den er tötet, nicht wissend, dass es sich um den König von Theben und gleichzeitig seinen leiblichen Vater handelt. Nachdem er die unheilvolle Sphinx besiegt hat, erhält er nicht nur die Königswürde, sondern auch die Königswitwe Iokaste (Silvana Mangano). Erst der blinde Seher Teiresias (Julian Beck) öffnet ihm die Augen über die schreckliche Wahrheit.

Silvana Mangano (1930-1989) ist für mich der Inbegriff sinnlicher und zugleich fragiler Schönheit mit ihren großen, dunklen Augen im blass geschminkten Gesicht, umrahmt von dunklem, aufgestecktem Haar. Ihr Make-up beeindruckt gerade durch seine Schlichtheit: Die Augenbrauen sind kaum zu sehen, so schmal sind sie, sodass nichts von den Augen ablenkt, in denen sich die Tragik Thebens spiegelt.

„Das Leben endet da, wo es begonnen hat.“, so lautet der Schlusssatz des blinden Wanderers Ödipus, der mit seinem treuen Begleiter Kreon (Carmelo Bene) nun wieder in der Gegenwart der 60er Jahre eingetroffen ist, und zwar auf der Wiese, auf der er als Baby von seiner Mutter gestillt wurde. Das Leben ist also vorherbestimmt, sodass wir, so sehr wir uns auch bemühen, unserem Schicksal zu entrinnen, doch wieder dort ankommen, von wo wir einst aufgebrochen sind. Hat Pasolini etwa sein eigenes tragisches Schicksal und das seiner Mutter, die beide Söhne durch Mord verloren hat, vorhergesehen? Herausragend.

27. A Most Wanted Man (Spionagethriller, Großbritannien 2014, R: Anton Corbijn, D: Phillip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, 121 Min.), Cinestar 3, Freitag, 19.09.2014

Anton Corbijn ist eigentlich Fotograf, was für seine Regiearbeiten Fluch und Segen zugleich ist. Salopp ausgedrückt: Bilder top, Geschichte flop. Denken wir an Control (2007) und The American (2010) zurück. Beide Filme sind atmosphärisch dicht in Szene gesetzt, aber bei der Geschichte hapert es hier und da.

Auch in seinem neuesten Film, der mit Ausnahme zweier Berliner Szenen in Hamburg spielt, wird man durch die tollen Bilder zwei Stunden lang bei der Stange gehalten. Allerdings weiß man nach den entscheidenden sieben Minuten immer noch nicht, worum es eigentlich geht. Und so richtig klar wird einem die Geschichte die ganze Zeit lang nicht. Erst als ich mich über die Romanvorlage von John le Carré mit dem bezeichnenden deutschen Titel Marionetten informiert habe, verschwand das Fragezeichen auf meiner Stirn.

In Hamburg taucht der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) auf, dessen Vater ihm ein Vermögen auf der Privatbank von Tommy Brue (Willem Dafoe) hinterlassen hat. Da es schmutziges Geld ist, beschließt der strenggläubige Moslem Issa, es über den islamischen Gelehrten Dr. Abdullah (Homayoun Ershadi) an Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden. Dieser ist allerdings ein Wolf im Schafspelz, denn er unterstützt islamistische Terrorzellen.

Eine deutsche Spionageeinheit mit dem desillusionierten alten Fuchs Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) und seinen Mitarbeitern (Nina Hoss, die man in fürchterliche Klamotten gesteckt hat, sowie Daniel Brühl) hat längst ein Auge auf Dr. Abdullah geworfen. Über Issa und seine Anwältin, die Sozialromantikerin Annabel Richter (Rachel McAdams), will man sich an Dr. Abdullah ranwanzen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei wird Günther Bachmanns Truppe von einer anderen Abteilung des deutschen Geheimdienstes böse mitgespielt. Natürlich sind auch unsere Freunde, die Amerikaner, vertreten durch die CIA-Agentin Martha Sullivan (Robin Wright), mit von der Partie.

Etwas Traurigkeit schwingt mit, da der Film sozusagen als Gedenken an den unlängst verstorbenen Philip Seymour Hoffman (23.07.1967-02.02.2014) fungiert, der in seiner letzten Rolle als einsamer Wolf aufgeht.

Spannungserzeugende Elemente des klassischen Spionagefilms finden sich zum Beispiel mit der Verfolgungsjagd in der Hamburger S-Bahn, der Entführung am helllichten Tage oder auch der vertauschten Zigarettenschachtel mit Geheimbotschaft. Außerdem ist Fantasie Trumpf, denn das deutsche Innenministerium befindet sich hier anstatt im Regierungsviertel kurzerhand im Gürteltierhaus in der Fasanenstraße: Schild dran, Typen in Uniform davor, und schon wird aus irgendeiner Hütte ein Ministerium.

A propos eine kleine Notiz am Rande: Leider hat die Pizzahütte die neuen leckeren Sorten wieder aus dem Programm genommen. Das war allerdings der einzige Wermutstropfen an einem ansonsten tollen Abend. Diskussionswert.

26. Jimmy’s Hall (Drama, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014, R: Ken Loach, D: Barry Ward, Simone Kirby, 109 Min.), Central 1, Freitag, 12.09.2014

Acht Jahre nach The Wind That Shakes The Barley, wo es um den Irischen Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921 geht, beschäftigt sich der neue Film von Ken Loach wieder mit Irland. Wir befinden uns nun im Jahr 1932, der Irische Freistaat besteht bereits seit 10 Jahren. Die bitteren Jahre sind vorbei, so mag man denken, aber damit liegt man völlig falsch. Nach wie vor herrschen Unrecht und Willkür auf der schönen Grünen Insel.

Jimmy Gralton (Barry Ward) kehrt nach 10jährigem Aufenthalt in den USA in sein Heimatdorf in der Grafschaft Leitrim zurück, um wieder bei seiner alten Mutter im kleinen Bauernhaus zu wohnen. Das Leben hier ist karg und eintönig, die Landwirtschaft wirft nicht viel ab und elektrisches Licht hat noch keiner in seinem Haus.

Was fehlt hier? Na klar, Lebensqualität und Lebensfreude, sprich ein Treffpunkt, wo die Menschen zusammenkommen, an selbst organisierten Kursen teilnehmen und sich bei Tanzveranstaltungen vergnügen können. Rückblende: So einen Versammlungsort hatte Jimmy Gralton bereits 1922 aufgebaut und mit großem Erfolg betrieben. Soviel Aktivismus mit womöglich kommunistischem Hintergrund war der Obrigkeit suspekt, sodass Jimmy sich seiner drohenden Verhaftung nur durch Auswanderung in die USA entziehen konnte. Nun ist er zurück und wird von allen Seiten bestürmt, die Pearse Connolly Hall wieder aufleben zu lassen. Gesagt, getan, alle packen mit an, und schon bald gibt es in Leitrim wieder einen Ort für Spiel, Spaß und Spannung.

Die Freude hält nicht lange an, denn Jimmy’s Hall ist der Obrigkeit wiederum ein Dorn im Auge. Die Pfaffen (Jim Norton, Andrew Scott) fürchten um ihre Autorität bei soviel Eigeninitiative jenseits der Kirche. Selbstbewusste, fröhliche Schäfchen sind eben nicht so leicht in Schach zu halten. Außerdem fördert Lachen den Ungehorsam, denn worüber man lacht, das fürchtet man nicht, wie es uns einst der ehrwürdige Jorge in Der Name der Rose (1986) erklärte. Daher muss die Pearse Connolly Hall verschwinden, und das so schnell wie möglich! Staatsmacht und Kirche arbeiten in ihrer Red Scare - Angst vor dem Kommunismus - Hand in Hand, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und die aufmüpfige Dorfgemeinschaft in ihre Schranken zu weisen.

Unserem tapferen Helden wird böse mitgespielt. Jimmy wird unter einem Vorwand verhaftet und ruckzuck ohne Verfahren des Landes verwiesen, ohne dass er sich von seiner Mutter verabschieden kann. Dennoch sind die Menschen in Leitrim fest entschlossen, sich nicht mehr unterbuttern zu lassen.

Typisch für Ken-Loach-Filme ist der Working Class Hero, der auch mal den langen Zipfel von der Wurst erwischt, was der Zuschauer mit Wohlwollen quittiert. Das klappt hier mit der Deportation des Helden leider nicht so ganz. Dafür handelt es sich um eine wahre Geschichte von der in melancholischem Grün gehaltenen Insel Irland. Der politische Aktivist James Gralton (1886-1945) war der einzige Ire, der jemals aus seinem eigenen Land ausgewiesen wurde. Das geschah unter dem Vorwand, dass er die US-Staatsbürgerschaft angenommen und damit die irische verwirkt hatte.

Jedenfalls ist das ein interessanter Film zur jüngeren Geschichte Irlands, der dazu anregt, mehr über die Grüne Insel zu lesen. Leider will Altmeister Ken Loach mit 78 Lenzen in den Ruhestand gehen und uns nicht mehr mit seinen Filmen erfreuen. Sehenswert.

25. Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit/Still Life (Drama, Italien/Großbritannien 2013, R: Uberto Pasolini, D: Eddie Marsan, Joanne Froggat, 92 Min.), Kant 2, Freitag, 05.09.2014

Eddie Marsan ist uns ein Begriff aus Happy-Go-Lucky (2008), wo er den miesepetrigen Fahrlehrer Scott spielt. Für den obligatorischen Blick in den Rückspiegel hat er sich eine merkwürdige Eselsbrücke einfallen lassen: Der Spiegel ist das Auge in der Spitze der Pyramide, genannt Enraha. Also brüllt er ständig „Enraha“ während der Autofahrt mit seiner Fahrschülerin Poppy (Sally Hawkins), die sich vor Lachen kaum noch halten kann. Diese Szenen gehören zu den lustigsten und zugleich denkwürdigsten des Films.

Hier ist Eddie Marsan in einer ganz anderen, sehr besinnlichen Rolle zu sehen. Als Mitarbeiter eines Londoner Bezirksamtes kümmert er sich um die Bestattung von Menschen, die einsam und verlassen gestorben ist. Dabei macht John May nicht einfach Dienst nach Vorschrift, sondern befasst sich anhand des Nachlasses mit dem Leben jedes einzelnen Verstorbenen, um ihm oder ihr die passende Beerdigung zukommen zu lassen. Der Blick in Fotoalben zeigt, dass auch diese einsamen Menschen einst in einen Familien- und Freundeskreis eingebunden waren.

Nun kann man sagen, dass es uns doch eigentlich egal sein kann, wie wir unter die Erde kommen, da wir es sowieso nicht mehr mitbekommen werden. Andererseits wissen wir nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gibt. Das werden wir erst in der Stunde unseres eigenen Todes erfahren.

Als John Mays Arbeitsplatz den obligatorischen Sparmaßnahmen zum Opfer fällt, darf er nur noch einen allerletzten Fall abschließen. Hierbei handelt es sich ausgerechnet um einen Mann, der im selben Wohnblock wie Mr. May gelebt hat. Es gibt auch Hinweise auf Familie und Freunde, denen Mr. May mit detektivischer Spürnase nachgeht.

Dabei kommt er endlich mal aus seinem Alltagstrott heraus, den sich der 44jährige seit seinem halben Leben auferlegt hat mit demselben Arbeitsplatz, derselben Routine und ohne private Sozialkontakte - tagein, tagaus, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Er lernt sogar zu lächeln, und die Zukunft sieht auf einmal ganz rosig aus. Plötzlich und unerwartet kommt dann alles ganz anders.

Die Frage, ob es ein Leben nach dem Tode gibt, hat John May für sich schon beantwortet, und der Film gibt ihm recht. Soziale Isolation ist vor allem ein Problem in der Großstadt. Früher auf dem Land wäre das nicht passiert, da Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen eine willkommene Abwechslung vom arbeitsreichen Alltag boten. Das hat sich keiner entgehen lassen. Die Anonymität, die für manche Menschen in die soziale Isolation mündet, ist der Preis, den wir Großstädter für unsere Freiheit zahlen müssen.

Dieser preisgekrönte Film ist an sich nicht schlecht, wenn er in der Mitte nicht so schrecklich langatmig wäre. Für anderthalb Stunden ist leider nicht genug Stoff vorhanden. Lichtblicke sind Eddie Marsan mit seiner stoischen Miene sowie die genau beobachtete Sozialwohnungsrealität der Londoner working class. Diskussionswert.

24. Die geliebten Schwestern (Drama, Deutschland/Österreich 2014, R: Dominik Graf, D: Florian Stetter, Hannah Herzsprung, 139 Min.), Cinemaxx 14, Freitag, 29.08.2014

Im Anschluss an unser Gelage in der Pizzahütte haben wir uns für diesen Film entschieden, der schon seit einigen Wochen in den Lichtspieltheatern läuft.

Ah l’amour, quand tu nous tiens! Als Schiller (1759-1805, Florian Stetter) im Sommer 1788 das Schwesternpaar Lengefeld kennenlernt, ist er hingerissen. Kein Wunder, da die Schwestern nicht nur anziehend, sondern auch so unterschiedlich sind wie Feuer und Eis. Die bereits – wenn auch unglücklich - verheiratete Caroline von Beulwitz (1763-1847, 1794 geschieden, Hannah Herzsprung) ist eine leidenschaftliche und darüber hinaus emanzipierte Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist. Damals lassen die strengen gesellschaftlichen Regeln den Frauen keinerlei Raum zur Entfaltung, denn ein Platz außerhalb der Ehe ist nicht vorgesehen. Nicht mal als Gasthörerinnen dürfen sie einen Fuß in die Alma Mater setzen.

Zurück zu den Lengefelds: Im Gegensatz zu Caroline ist ihre jüngere Schwester Charlotte von Lengefeld (1766-1826, Henriette Confurius) geradezu ein Bild der Vernunft. Auch die Schwestern sind ganz entzückt von Friedrich Schiller, dessen gebremster Charme bei der Damenwelt gut ankommt. Florian Stetter ist übrigens ein schmucker Schiller. Der große Dichter leidet zwar zeitlebens unter gesundheitlichen und finanziellen Problemen, hat aber immerhin einen Schlag bei den Frauen.

So sehr sich die Zeiten auch geändert haben, gleich geblieben ist die Mühseligkeit eines Autorenlebens. Die Schriftstellerei ist oftmals eine brotlose Kunst, was Schiller am eigenen Leib erfahren muss. Bettelbriefe an potenzielle Mäzene gehören zu seinem täglichen Brot. Allerdings verschwendet er in der Leichtigkeit des Sommers 1788 keinen Gedanken daran, da Amors Pfeile sowohl ihn als auch die Schwestern Lengefeld gleichermaßen getroffen haben. Sehnsüchtig erwartete Treffen wechseln sich ab mit Briefen voller verschlüsselter Botschaften. Die chère mère Louise von Lengefeld (1743-1823, Claudia Messner) ist angesichts des Treibens ihrer beiden Töchter mit dem armen Poeten ganz beunruhigt.

Der Film schmückt fantasievoll aus, worauf es nur zarte Hinweise gibt. Fest steht, dass Schiller anno 1790 die brave Charlotte ehelicht, obwohl ihn mit Caroline nicht nur die Liebe zur Literatur verbindet. Übrigens trifft Caroline (1794 Heirat mit Wilhelm von Wolzogen (1762-1809), Ronald Zehrfeld) mit ihrem in Schillers Zeitschrift „Die Horen“ anonym veröffentlichten, empfindsamen Fortsetzungsroman „Agnes von Lilien“ (1797) den Nerv der Zeit.

Hat Schiller etwa die falsche Schwester geheiratet, wie es der Film suggeriert? Vielleicht tut man andererseits Charlotte Unrecht, indem man sie zum Hausmütterchen abstempelt, das die Verbindung zwischen ihrer Schwester und Schiller mit Argwohn betrachtet. Einst schworen sich die Schwestern am Rheinfall von Schaffhausen ewige Treue. Leider kann der Traum von einer Ménage-à-trois der Realität nicht standhalten.

Kino bildet, denn noch am selben Abend habe ich eine Schiller-Biographie zur Hand genommen. Der Film beschränkt sich nicht nur auf den unbeschwerten Sommer am Vorabend der Französischen Revolution, sondern lässt Schillers Leben Revue passieren - obwohl die eigentliche Hauptfigur Caroline von Wolzogen ist.

Schade, dass Dominik Graf im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale leer ausgegangen ist. Vielleicht lag es an der Überlänge der Berlinale-Fassung. Jedenfalls hätte ich diese zusätzliche halbe Stunde liebend gern auch noch genossen, da mich die malerischen Landschaftsbilder, die knarrenden Dielen und das sanfte Kerzenlicht in die Atmosphäre des späten 18. Jahrhunderts entführt haben. So wird Literaturgeschichte anschaulich und unterhaltsam zugleich präsentiert. Im Fernsehen wird der Film als Zweiteiler von insgesamt 190 Minuten Länge zu sehen sein, darauf freue ich mich schon jetzt. Herausragend.

23. Lucy (Science-Fiction, Frankreich 2014, R: Luc Besson, D: Scarlett Johansson, Morgan Freeman, 89 Min.), Cubix 9, Freitag, 22.08.2014

Alles begann vor drei Millionen Jahren mit unserer Urmutter Lucy. Wie sehr hat sich die Menschheit seitdem entwickelt! Und dabei nutzen wir nur 10% unserer Gehirnkapazität. Was wäre, wenn wir unsere zerebralen Möglichkeiten voll und ganz ausschöpfen würden?

Im Großstadtdschungel von Taipeh wird die junge Lucy (Scarlett Johansson) von ihrem falschen Freund in die Abgründe der koreanischen Drogenmafia hineingezogen. Sie muss als Kurierin herhalten, dazu wird ein Beutel mit einer neuartigen, hochwirksamen Droge in ihren Bauch eingenäht. So ausgestattet soll sie mit einigen Leidensgenossen nach Europa fliegen. Als der Plastikbeutel platzt, ist sie der unglaublich hohen Dosis eines Wachstumshormons ausgesetzt.

Der Stoff bringt ihr Gehirn auf Hochtouren und beflügelt nicht nur ihre Intelligenz: Erst hat sie die totale Kontrolle über ihren eigenen Körper, dann durch Telepathie und Telekinese auch über ihre Umwelt, bis sie schließlich Raum und Zeit beherrscht. Passenderweise lernen wir den berühmten Neurologen Samuel Norman (Morgan Freeman) kennen, der an der Pariser Sorbonne einen Vortrag über die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns hält. So erfahren wir wissenschaftlich fundiert, was mit Lucy geschieht.

Sie muss nun schleunigst nach Paris, um Professor Norman zu treffen und mit dem schmucken französischen Polizisten Pierre del Rio (Amr Waked) den Übeltätern das Handwerk zu legen. Hat der Film als spannender Action-Thriller mit durchaus plausibler Geschichte begonnen, rückt die Action trotz des blutigen Showdowns in Paris in den Hintergrund. Leider nimmt die Science-Fiction-Handlung mit Lucys Transformation nicht so richtig Fahrt auf, sodass zwischendurch ein bisschen Langeweile aufkommt. Der Film bleibt trotz seiner fantasievollen Effekte unentschlossen und traut sich nicht so recht, seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Im Gegensatz dazu geht Inception (2010) unserem Bewusstsein auf den Grund, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Frage nach dem Sinn und Zweck unserer ungenutzten Gehirnkapazität bleibt offen. Was hat unser (außerirdischer) Schöpfer sich bloß dabei gedacht? Zum Trost für uns gewöhnliche Sterbliche sei gesagt, dass wir im Rahmen unserer bescheidenen Existenz ausreichend ausgestattet sind, mehr Gehirnschmalz wäre alles andere als bekömmlich. Also sollten wir das Geschenk des menschlichen Lebens, das mit Urmutter Lucy vor drei Millionen Jahren begann, sinnvoll nutzen, so lautet die Botschaft.

Mit beeindruckenden Bildern und Spezialeffekten wird ordentlich was fürs Auge geboten. Als das Superhirn Lucy auf dem Flug nach Paris ein Glas Champagner trinkt, führt das fast zur Auflösung ihres Körpers, da ihr Organismus schon längst auf Selbstverwaltung umgestellt hat und keine Energiezufuhr von außen toleriert. Auflösung durch Sekt? Wir sollten unseren Proseccokonsum überdenken!

Unser Kinobesuch fand nach einem ausgiebig begossenen Abendessen im Steakhaus Escados plus Keksmischung aus dem im Neubau am Alex gelegenen französischen Süßwarenladen La Cure Gourmande statt. Im Cubix wollte uns der Warmduscher von Ticketmaster keinesfalls in der dritten Reihe platzieren, da man doch unmöglich so weit vorne sitzen könne. Schließlich saßen wir in der vierten Reihe und fühlten uns pudelwohl.

Insgesamt ist das ein beeindruckender, wenn auch etwas merkwürdiger Film von Luc Besson, über den ich noch eine Weile nachgedacht habe. Scarlett Johansson beweist, dass sie sich vom großäugigen Mädchen in Das Mädchen mit dem Perlenohrring (2003) zur ernstzunehmenden Schauspielerin gemausert hat. Sehenswert.

22. Dawn of the Planet of the Apes - Planet der Affen: Revolution (Science-Fiction, USA 2014, R: Matt Reeves, D: Andy Serkis, Jason Clarke, 131 Min., 3D), Cinestar 8, Freitag, 08.08.2014

10 Jahre sind vergangen, seitdem das gefährliche Retrovirus ALZ-113 freigesetzt wurde und die Affenbande nach einem grandiosen Showdown auf der Golden Gate Bridge in den Wald entschwunden ist. Das Virus hat einen Großteil der Menschen dahingerafft, die letzten Überlebenden vegetieren in der verfallenden Stadt ohne Strom und fließend Wasser dahin. Unbehelligt von den Menschen leben die Affen in ihrer Waldsiedlung.

Als eines Tages ein Expeditionstrupp von Menschen unter der Führung von Malcolm (Jason Clarke) sich der Affensiedlung nähert, bricht der Konflikt wieder auf. Während Caesar (Andy Serkis), der charismatische Anführer der Affen, weiterhin an das Gute glaubt und eine friedliche Koexistenz mit den Menschen anstrebt, hat sein aggressiver Gegenspieler Koba (Toby Kebbell) Böses im Sinn. Geprägt von seinem Leiden im Versuchslabor kennt er nur das Verlangen nach Rache. Er reißt die Herrschaft an sich und zettelt einen Krieg gegen die Menschen an. Meine Güte, San Francisco wird in den Filmen der letzten Zeit arg gebeutelt, erst tritt Godzilla mit seinen Riesenfüßen alles platt, und nun fällt auch noch die Affenbande über die Stadt her.

War man im ersten Teil Rise of the Planet of the Apes/Planet der Affen: Prevolution auf der Seite der geknechteten und geschundenen Tiere, so erkennt man nun, dass Affen auch nicht die besseren Menschen sind. Auf beiden Seiten gibt es gute und böse Exemplare. Caesar stellt bestürzt fest, wie ähnlich seine Artgenossen den Menschen geworden sind, insbesondere was Arglist und Missgunst anbelangt. Vielleicht ist das der Preis der Intelligenz. Sogar sprechen haben die Affen gelernt, wenn auch nur in stark vereinfachten Sätzen. Das reicht vollkommen, um die Botschaft zu übermitteln, die menschliche Logorrhö haben sie sich noch nicht angeeignet.

Es geht um die immer wiederkehrenden Themen der Menschheit beziehungsweise Affenheit: Liebe und Vertrauen versus Hass und Misstrauen. Gute und böse Eigenschaften stehen in ständigem Kampf miteinander, begrenzen sich gegenseitig. Wird es Frieden zwischen den wenigen verbleibenden Menschen und den Affen geben? Es sieht nicht danach aus, genauso wenig wie es im wirklichen Leben trotz aller Bemühungen jemals Frieden auf Erden geben wird.

An den fulminanten ersten Teil reicht der zweite nicht ganz heran, da er einige Zeit braucht, um in Fahrt zu kommen. Dennoch bin ich mit der Neubearbeitung des Stoffes zufrieden und bereits auf den dritten Teil gespannt, der hoffentlich nicht wieder drei Jahre auf sich warten lässt. Sicherlich wird dann die im ersten Teil gestartete lost in space Marsmission zurückkehren und sich über die Veränderungen auf ihrem Heimatplaneten wundern. Sehenswert.

21. Jersey Boys (Drama, USA 2014, R: Clint Eastwood, D: Christopher Walken, John Lloyd Young, 134 Min.), Kant 2, Freitag, 01.08.2014

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Musical von 2005, das die Bandgeschichte der Four Seasons erzählt. Deren Leadsänger, Frankie Valli war mir bisher nur ein Begriff aus dem Film Grease (1978). Dort singt er den von Barry Gibb komponierten Titelsong. Allerdings ist er Ende der siebziger Jahre schon längst ein alter Hase im Musikgeschäft. Mit bürgerlichem Namen Francis Castelluccio wächst er in einfachen Verhältnissen im italienischen Viertel von Newark, New Jersey auf. Hier haben junge Männer nur drei Zukunftsoptionen: Sie können zur Armee gehen und getötet werden, sich der Mafia anschließen und ebenfalls getötet werden oder sie werden berühmt.

Auf Drängen seines Freundes Tommy DeVito (Vincent Piazza) entscheidet sich der mit einer hohen, ungewöhnlichen Stimme gesegnete Frankie Valli (John Lloyd Young) für die dritte Möglichkeit. In den fünfziger Jahren dümpeln sie in diversen Bands dahin. Als sie sich 1962 mit Bob Gaudio (Erich Bergen) und Nick Massi (Michael Lomenda) zu The Four Seasons zusammenschließen, geht es mit den Kompositionen aus der Feder von Bob Gaudio endlich aufwärts. Es folgt eine Welle von Nummer eins Hits in den USA mit Sherry, Big Girls Don’t Cry und Walk Like A Man sowie eine stattliche Anzahl von Top 40 Hits.

Brav chronologisch abgearbeitet wird die Bandgeschichte vom ersten unter einer Straßenlaterne einstudierten Song bis zum Zerwürfnis der Four Seasons. Schließlich bleiben mit Frankie Valli und Bob Gaudio nur noch zwei Jahreszeiten übrig. Während Bob ausschließlich komponiert und produziert, muss Frankie weiterhin auf Tour, nun mit Studiomusikern, um die Schulden seines flatterhaften Freundes Tommy DeVito abzustottern und finanziell wieder auf einen grünen Zweig zu kommen.

Durch die langen Abwesenheiten von der Familie ist er seinen Kindern entfremdet. Sie wundern sich über den Onkel, der ab und zu mal zu Besuch kommt. Beziehungen gehen in die Brüche. Dann stirbt auch noch seine Lieblingstochter Francine an einer Überdosis. Frankie Valli zahlt den Preis für ein scheinbar erfülltes Musikerleben. 1990 ist er endlich im Olymp angekommen, als er gemeinsam mit The Four Seasons in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wird. In den USA landet er als Solokünstler mit My Eyes Adored You (1974) und Grease (1978) zwei Nummer eins Hits.

Als Gimmick wenden sich die vier Musiker abwechselnd direkt ans Publikum, um uns ihre Gedanken und Meinungen mitzuteilen. So wird man aus dem Kino heraus in den Theatersaal hineinversetzt, ohne sich an diesem Hochsommerabend vom Fleck rühren zu müssen. Chic, dass die Musik der Sixties nicht zu kurz kommt. Lieder wie Rag Doll kennt man ja aus dem Radio, auch wenn man sie nicht unbedingt mit den Four Seasons in Verbindung gebracht hätte. Jedenfalls spukt mir seit dem Kinobesuch das Repertoire der vier Jahreszeiten im Kopf herum.

Außer Christopher Walken als Mafiaboss spielen keine großen Stars mit. Clint Eastwood hat also jungen Talenten eine Chance gegeben, und die machen ihre Sache ganz ordentlich. Insgesamt ist das alles ganz nett und einigermaßen kurzweilig, aber bis auf die Musik nicht so richtig mitreißend. Da hat der Altmeister schon weitaus bessere Filme gemacht. Annehmbar.

20. Monsieur Claude und seine Töchter/Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu? (Komödie, Frankreich 2014, R: Philippe de Chauveron, D: Christian Clavier, Chantal Lauby, 97 Min.), Cinemaxx 4, Freitag, 25.07.2014

Nun ist der Publikumsrenner aus Frankreich endlich gestartet. Bei uns erhält er sowohl positive als auch negative Kritiken. An diesem regnerischen Sommerabend haben sich die Leute im vollbesetzten Kinosaal jedenfalls prächtig amüsiert, es kam sogar so richtig ausgelassene Berlinale-Stimmung auf.

Ohne Umschweife geht es gleich zur Sache, wir erleben im Schnelldurchlauf die Hochzeiten der Töchter des gutsituierten Ehepaars Marie (Chantal Lauby) und Claude Verneuil (Christian Clavier) aus Chinon. Isabelle (Frédérique Bel) heiratet den arabischstämmigen Rachid (Medi Sadoun), Odile (Julia Piaton) den Juden David (Ary Abittan) und Ségolène (Émilie Caen) den Chinesen Chao Ling (Frédéric Chau). Die Eltern machen gute Miene zum bösen Spiel. Im betulichen Chinon, das in der wunderschönen Touraine liegt, gehen die Uhren eben noch ein wenig langsamer. Nun ruhen ihre Hoffnungen auf der jüngsten Tochter Laure (Élodie Fontan). Möge wenigstens sie einen katholischen Franzosen ohne Migrationshintergrund ehelichen!

Dann verkündet Laure ihre Heiratspläne mit Charles (Noom Diawara). Zwar ist er immerhin Katholik, aber von schwarzer Hautfarbe. Nun sind selbst Laures Schwestern und ihre Ehemänner alarmiert. Den armen Eltern könne man unmöglich einen vierten exotischen Schwiegersohn zumuten! Aber auch Charles’ Eltern, insbesondere sein brummiger Vater André (Pascal Nzonzi), sind über eine weiße Schwiegertochter in spe nicht erfreut. Dennoch findet die Hochzeit unter dem blauen Himmel von Chinon auf dem großzügigen Anwesen der Verneuils statt. Die Eltern des Bräutigams reisen von der Elfenbeinküste an. Während sich die Mütter Marie und Madeleine (Salimata Kamate) schnell einig sind, treffen mit Claude und André zwei Streithähne aufeinander.

Konfliktpotential gibt es also genug, und das gibt dem Film Tempo und Würze. Rassismus hin, Rassismus her, jede Hautfarbe, Religion und Herkunft kriegt hier ihr Fett weg. Herrlich wohltuend ist das fehlende Korsett der politischen Korrektheit. Ein bisschen rassistisch sind wir doch schließlich alle, so heißt es im Film. Wenn es wie hier bei harmlosen Neckereien bleibt, ist das ja auch in Ordnung. Die Kehrseite der Medaille sind Hass und Gewalt, wie wir das gerade wieder verstärkt im Nahen Osten erleben.

Auch die Nebenrollen wie der wortkarge Psychologe (Élie Semoun) und insbesondere der konsumfreudige Pfarrer von Chinon (Loïc Legendre) tragen zur guten Unterhaltung bei. Lernt man sich erst einmal näher kennen, stellt man fest, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind, so lautet die Botschaft des Films. Außerdem trägt Alkohol zur Völkerverständigung bei, jedenfalls bei Claude und André. Das Ende ist mir ein bisschen zu rose bonbon, aber insgesamt ist der Film witzig, spritzig und damit genau das Richtige nach unserem gut begossenen Abendessen in der Pizzahütte und im Eiscafé. Sehenswert.