Esquire Theme by Matthew Buchanan
Social icons by Tim van Damme

26

May

Filme 2012

Von den insgesamt 26 Filmen waren 1 herausragend, 4 sehenswert mit Sternchen, 11 sehenswert, 5 diskussionswert, 3 annehmbar, 1 zwiespältig und 1 uninteressant.

26. Kill Me Please (Komödie, Belgien 2010, R: Olias Barco, D: Aurélien Recoing, Virgile Bramly, 96 Min.), Central 2, Freitag, 25.05.2012

Die spinnen, die Belgier? Vielleicht. Auf jeden Fall haben sie einen schrägen Humor, der sich in solch skurrilen Filmen niederschlägt. Auch Bouli Lanners und Benoit Poelvoorde spielen wieder mit, die wir aus zahlreichen belgischen oder französischen Filmen wie zum Beispiel Aaltra (2004), Eldorado (nur Bouli Lanners, 2008), Louise Michel (2008), Mammuth (2010) oder Rien à déclarer (2011) kennen.

Wie der Titel suggeriert geht es um Selbstmord, ein Thema, das nach wie vor tabuisiert wird. Nicht so in diesem Film, denn hier geht es ohne Tabu und Ehrfurcht ganz direkt und brutal zur Sache. Dr. Krueger (Aurélien Recoing) führt eine Spezialklinik für Selbstmordkandidaten, die hier ganz sanft und ruhig mit einem Giftcocktail aus dem Leben scheiden können. So wie Simon Nora (Gérard Rambert), der sein Leben unter der Prostituierten Sophia (Stéphanie Crayencour) aushaucht. Natürlich gibt es noch mehr Todeskandidaten in der Klinik: Monsieur Demanet (Benoit Poelvoorde) kann den Tod nicht erwarten und schneidet sich die Pulsadern auf, Monsieur Vidal (Bouli Lanners) kommt nicht darüber hinweg, dass er seine Frau beim Pokern verloren hat, Madame Rachel (Zazie de Paris) war vor ihrer Krebserkrankung eine berühmte Sopranistin, Virgile (Virgile Bramly) wollte schon als Kind sterben, Monsieur Breiman (Saul Rubinek) ist zum Sterben extra aus Kanada gekommen, Monsieur Jean-Marc (Daniel Cohen) ist ein Berufsnörgler, um nur einige zu nennen.

Ganz wie im richtigen Leben kommt es immer anders und als man denkt. Erst bricht ein Feuer aus, was den Programmablauf empfindlich stört, dann werden die Patienten von mysteriösen Scharfschützen bedroht, die Jagd auf sie machen, sobald sie die Klinik verlassen. Anstatt ruhig und selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, werden unsere Selbstmordkandidaten einfach so abgeknallt. Obwohl sie doch sowieso sterben wollten, bringen sie sich instinktiv vor den Kugeln der Scharfschützen in Sicherheit. Dabei wird die Handlung immer skurriler, eigentlich sind alle Figuren Psychopathen. Was es mit den Scharfschützen auf sich hat, wird auch nicht geklärt. Logik darf man hier nicht erwarten.

Kill Me Please ist eine rabenschwarze Komödie, gedreht in Schwarzweiß, mit heftigen Horrorelementen, die Denkanstöße zum Thema Selbstmord liefert. Selbstbestimmt aus dem Leben scheiden zu können wird bei steigender Lebenserwartung in Verbindung mit körperlichem und geistigem Verfall zu den großen Diskussionsthemen der Zukunft gehören. Andererseits entsteht durch Suizid ein volkswirtschaftlicher Schaden, da Produktivität und Konsum ausfallen. Der Film ist etwas sperrig und braucht seine Zeit, um seinen Rhythmus zu finden. Es ist also keine leichte Kost, entschädigt wird man aber durch viele gute oder überraschende Szenen. Das war mal ein Kinoabend der ganz anderen Art, insgesamt waren wir zu siebt im Saal 2 des Central. Übrigens wurde dieser Saal neu bestuhlt und bietet nun mit seinen blaugrünen Sesseln einen herrlichen Sitzkomfort, den wir für nur 6,50 € genossen haben. Diskussionswert.

21

May

25. The Cold Light of Day (Action, USA 2012, R: Mabrouk el Mechri, D: Henry Cavill, Sigourney Weaver, 94 Min.), Cubix 4, Freitag, 18.05.2012

Nach 27 Tellern im Sushi Club sowie einer Runde Scavi & Ray Sprizzione rollten wir zum Kinogenuss ins Cubix am Alex. Ausgesucht haben wir uns einen Actionfilm mit Urgestein Bruce Willis. Will Shaw (Henry Cavill) fliegt zum Familienurlaub nach Spanien, um dort seine Eltern sowie seinen jüngeren Bruder nebst Freundin zu treffen, die auf einem Segelboot an der Küste herumschippern. Zu seinem Vater Martin (Bruce Willis), der scheinbar als Kulturattaché an der US-Botschaft in Madrid arbeitet, hat Will von jeher ein gespanntes Verhältnis.

Als der junge Mann nach einem Landgang und Einkaufsbummel zurückkehrt, findet er das Boot leer vor. Wo ist nur die Familie geblieben? Die alarmierte Polizei verhält sich merkwürdig, dann taucht sein Vater wieder auf. Martin gesteht, dass er in Wirklichkeit CIA-Agent ist und einst einen wichtigen Aktenkoffer gestohlen hat. Auf dessen Inhalt ist der israelische Geheimdienst erpicht, daher hat er die Familie entführt und lässt sie nur im Austausch gegen den Koffer frei. Will und Martin fahren nach Madrid, um Martins Partnerin Jean Carrack (Sigourney Weaver) zu treffen und den Aktenkoffer zu holen. Plötzlich wird Martin von einem mysteriösen Scharfschützen erschossen. Will sucht verschreckt Zuflucht bei seiner Botschaft, doch der Konsul hat weder jemals von seinem Vater gehört noch glaubt er Wills Geschichte, denn Leute, die von Außerirdischen entführt wurden und andere Spinner gehen in den Konsularabteilungen der Auslandsvertretungen täglich ein und aus. Die Botschaft ist auch kein Babysitter, und so wird Will im Handumdrehen wieder auf die Straße gesetzt und seinen Verfolgern ausgeliefert.

Die sind zahlreich, denn alle sind auf der Jagd nach dem mysteriösen Aktenkoffer, dessen Inhalt wir nie erfahren werden. Jean Carrack entpuppt sich als eiskalte Killerin, die auf eigene Rechnung arbeitet. Der israelische Geheimdienst benutzt Will als Köder für Jean Carrack und hält solange eine schützende Hand über die Geiseln. Spätestens jetzt begreift Will, dass es sein Vater faustdick hinter den Ohren hatte. Nur mit Jeans und T-Shirt bekleidet muss er um sein eigenes Leben und das Leben seiner Familie kämpfen. Eine unerwartete Verbündete findet er in seiner spanischen Halbschwester Lucia (Verónica Echegui), denn sein Vater war nicht nur Geheimagent, sondern auch Schwerenöter. 

The Cold Light of Day bietet solide Action mit guten Effekten vor der malerischen Kulisse Madrids, wenn auch das Ende vorhersehbar ist. Die einzige Überraschung ist, dass Bruce Willis bereits am Anfang des Films den Löffel abgeben muss. Der Urvater der Action kann einfach nicht sterblich sein, daher habe ich bis zum Schluss an seine Wiederauferstehung geglaubt. Annehmbar.

12

May

24. Dark Shadows (Komödie, USA 2012, R: Tim Burton, D: Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, 112 Min.), Cubix 8, Freitag, 11.05.2012

Gruselkomödien kommen wieder in Mode. In den sechziger und siebziger Jahren erfreuten sich Fernsehserien wie The Addams Family großer Beliebtheit. Auch Dark Shadows gehörte dazu. Nun hat Tim Burton daraus einen abendfüllenden Spielfilm gemacht. Im Mittelpunkt steht der Kampf zwischen einer Hexe und einem Vampir. Einst brach der reiche Bonvivant Barnabas Collins (Johnny Depp) der jungen Angelique (Eva Green) das Herz, als er sie für die sanfte Josette (Bella Heathcote) verließ. Angelique rächte sich bitter, indem sie in ihrer Eigenschaft als Hexe Josette in den Selbstmord trieb und Barnabas in einen Vampir verwandelte, den sie lebendig begraben ließ.

Über 200 Jahre später wird Barnabas bei Bauarbeiten zufällig ausgegraben. Chic sieht er aus mit seiner Napoleon-Bonaparte-Frisur und wirkt um keinen Tag gealtert. Johnny Depp ist sowieso ein attraktiver Mann, dem starkes Make-up sehr gut steht, wenn wir uns an Jack Sparrow erinnern. Barnabas kehrt zurück auf seinen Familiensitz Collinwood Manor, einem verwunschen wirkenden Schloss auf einem Hügel.

1972 ist das großzügige Anwesen leider halb verfallen und wird von dem verarmten Rest der Familie bewohnt, also dem Oberhaupt Elizabeth Collins Stoddard (Michelle Pfeiffer) und ihrer aufsässigen 15jährigen Tochter Carolyn (Chloe Moretz) sowie Elizabeths Bruder Roger Collins (Jonny Lee Miller) nebst seinem gestörten Sohn David (Gulliver McGrath). Dazu kommen der Hausmeister Willie Loomis (Jackie Earle Haley), die altersschwache Haushälterin Mrs. Johnson (Ray Shirley) und die Psychiaterin Dr. Julia Hoffman (Helena Bonham Carter), die ordentlich dem Alkohol zuspricht. Eine bemerkenswerte Figur, diese Dr. Hoffman, denn sie kommt erst spät zur Essenszeit aus ihren Gemächern angeflattert und schaut den Rest des Abends ins Glas. Das Leben ist eben nur im Suff zu ertragen, und so hilft ihr der Alkohol über die Vergänglichkeit von Jugend und Schönheit hinweg. Als Gouvernante für David wird die junge Victoria (Bella Heathcote) eingestellt, eine Reinkarnation der tragischen Josette. So haben alle auf Collinwood Manor ihre Macken und Geheimnisse.

Barnabas wird in die Familie eingegliedert und muss sich in den modernen Zeiten des Jahres 1972 zurechtfinden. Ein vampirgerechter Schlafplatz wird mit der Anlieferung eines Sarges sichergestellt, nachdem der arme Barnabas im Wäscheschrank oder nach Fledermausart kopfüber von der Decke hängend nächtigen musste. Nun kommt auch Angelique wieder ins Spiel, die als clevere Geschäftsfrau in Sachen Fisch das Städtchen Angel Bay (vormals Collinsport) beherrscht. Nach wie vor will sie nur eins, und das ist Barnabas’ Liebe.

Warum der Vampir ausgerechnet im Jahre 1972 ausgegraben wird, bleibt unklar, denn von Flower Power merkt man erstaunlich wenig. Immerhin darf Altstar Alice Cooper auftreten und uns seine alten Hits in Erinnerung bringen, was für ihn sicherlich wohltuende pekuniäre Auswirkungen hat. Auch Ur-Dracula Christopher Lee ist in einer Nebenrolle zu sehen. Ausgehend vom offenen Ende können wir eine Fortsetzung erwarten. Insgesamt fand ich den Film zwar unterhaltsam, aber die Handlung ziemlich banal. Vielleicht lag es aber auch an meiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit nach einem mit ordentlich Alkohol begossenen Abendessen inklusive Spargel satt. Jedenfalls hat Dark Shadows seine gute Wertung Johnny Depp und Helena Bonham Carter zu verdanken, die ordentlich Schwung in den Laden bringen. Diskussionswert.

05

May

23. La guerre est déclarée/Das Leben gehört uns (Drama, Frankreich 2011, R: Valérie Donzelli, D: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaim, 100 Min.), Hackesche Höfe 5, Freitag, 04.05.2012

Es ist Liebe auf den ersten Blick bei Roméo (Jérémie Elkaim) und Juliette (Valérie Donzelli), wie könnte es auch anders sein bei diesen shakespearischen Namen? Der kleine Adam kommt zur Welt, das Glück dieser kleinen Familie scheint perfekt, würde das Kind nicht einige beunruhigende Symptome zeigen: Oft erbricht es sich heftig, kann mit 18 Monaten immer noch nicht laufen und sein Gesicht ist leicht asymmetrisch. Ausführliche Untersuchungen ergeben, dass Adam einen großen Hirntumor hat und so schnell wie möglich operiert werden muss. 

Nach der Operation sind die Eltern erleichtert und feiern mit der Familie und Freunden die erfolgreiche Entfernung des Tumors. Sie ahnen nicht, dass der eigentliche Marathon erst jetzt beginnt mit der jahrelangen Nachbehandlung, bei der Adam das Krankenhaus nicht verlassen darf, um in seinem fragilen Zustand keine Infektion aufzuschnappen. Er leidet an einer besonders schweren und seltenen Art von Krebs, dessen Behandlung kompliziert und dessen Heilungschancen gering sind. Jeden einzelnen Tag verbringen Roméo und Juliette bei ihrem Kind, schlafen im angrenzenden Elternhaus. Da sie nicht mehr arbeiten, kommt es zu finanziellen Problemen, die Eigentumswohnung müssen sie aufgeben. Auch treffen sie kaum noch ihre Freunde, sind sozial zunehmend isoliert. Dennoch gibt es ein Happy End, das schon am Anfang angedeutet wird.

Die eigenwillige Erzählweise mit Kommentaren aus dem Off und Gesangseinlagen sagt sicherlich nicht jedem zu, hat mir aber gut gefallen. Teilweise übertreiben die Schauspieler so sehr, dass man sich wie in einer griechischen Tragödie vorkommt, was der Stimmung allerdings keinen Abbruch tut.

Tumor mit Humor, wie der tip so schön titelte, ist zur Zeit groß angesagt im Kino, aus den USA ist gerade 50/50 - Freunde fürs (Über)Leben angelaufen, und aus Deutschland gab es Halt auf freier Strecke von Andreas Dresen. Auf der Berlinale 1998 haben wir den sehenswerten britischen Beitrag zum Thema Girls’ Night - Jetzt oder nie gesehen. 

Bei Das Leben gehört uns steht die Beziehung von Roméo und Juliette im Vordergrund, die durch die schwere Erkrankung ihres Kindes auf eine harte Belastungsprobe gestellt wird. Valérie Donzelli und Jérémie Elkaim verfilmen ihre eigene Geschichte, bei der ihr Sohn Gabriel Elkaim den mittlerweile achtjährigen Adam spielt. La Guerre est déclarée erklärt dem Krebs den Krieg, lebensnah und berührend. Sehenswert.

28

Apr

22. Et si on vivait tous ensemble?/Und wenn wir alle zusammenziehen? (Komödie, Frankreich/Deutschland 2011, R: Stéphane Robelin, D: Jane Fonda, Daniel Brühl, 96 Min.), Hackesche Höfe 4, Freitag, 27.04.2012

Die Golden Girls haben es uns bereits in den 80er Jahren vorgemacht: Warum tun sich ältere Menschen nicht einfach zusammen und gründen eine Wohngemeinschaft? So können sie sich gegenseitig unter die Arme greifen und Einsamkeit ist kein Thema mehr. Gesagt, getan. Das Ehepaar Annie (Geraldine Chaplin) und Jean (Guy Bedos) haben ein schönes Haus mit großem Garten vor den Toren von Paris. Regelmäßig kommen ihre alten Freunde, das Ehepaar Jeanne (Jane Fonda) und Albert (Pierre Richard) sowie der Witwer Claude (Claude Rich) zu Besuch.

Sie sind zwischen 67 und 82 Jahre alt und haben mehr oder weniger mit den Folgen des Alters zu kämpfen. Die superschlanke Annie ist äußerst gelenkig. Jean darf sich aus Altersgründen nicht mehr für humanitäre Zwecke fernab von der Heimat engagieren, er ist sogar zu alt, um bei Demos verhaftet zu werden. Jeanne ist an Krebs erkrankt, was sie ihrer Umwelt verschweigt. Eine Operation lehnt sie ab, dafür bereitet sie ihre eigene Beerdigung vor, die fröhlich vonstatten gehen soll. Ihr Mann Albert leidet an Demenz, dabei nimmt seine Vergesslichkeit erschreckende Ausmaße an. Bei einem Spaziergang mit seinem riesigen Zottelhund Oscar stürzt er schwer. Claude schließlich kann auf Sex nicht verzichten und geht regelmäßig ins Bordell. Als er dort einen Herzanfall erleidet, wird klar, dass er nicht mehr alleine in seiner Wohnung zurechtkommt. Ein Umzug ins Altenheim kommt nicht in Frage, denn da gibt es ja nur alte Leute.

Also beschließen die fünf Freunde, sich bei Annie und Jean einzunisten und von nun an zusammenzuleben. Das ist nicht so einfach. Obwohl sie schon seit über 40 Jahren befreundet sind, schafft das enge Zusammenleben Konflikte, unter anderem wenn der Hund ein Häufchen auf dem schönen Teppich hinterlässt oder Albert vergisst, den Wasserhahn zuzudrehen und das ganze Haus unter Wasser setzt.

Aber es macht auch Spaß, zusammen zu kochen und opulente Abendessen mit viel Wein zu genießen. Gemeinsam realisiert die Seniorenwohngemeinschaft ihren großen Traum von einem Swimmingpool im Garten. Zudem wird der junge deutsche Ethnologie-Student Dirk (Daniel Brühl) engagiert, nicht nur um Oscar auszuführen, sondern auch um im Rahmen seines Studiums Feldforschung über das Altwerden in Europa zu betreiben. Schließlich zieht er mit ein und bildet somit die Brücke zwischen Jung und Alt.

Der Film betrachtet das Alter mit viel Humor, der einen bitteren Kern enthält. Schließlich sind Krankheit, körperlicher und geistiger Verfall sowie der Tod ständige Begleiter. Das Tüpfelchen auf dem i liefern die großartigen Schauspieler, darunter Geraldine Chaplin, die mit ihrer hageren Gestalt nie wirklich hübsch war, aber nach wie vor ein äußerst interessanter Typ ist, den man gerne betrachtet, dann Jane Fonda, die für ihre 74 Lenze grandios aussieht und nicht umsonst Botschafterin für L’Oréal Paris ist, sowie Pierre Richard, den ich seit Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh nicht mehr wahrgenommen habe.

Da die Kritiken in den einschlägigen Zeitschriften eher mittelmäßig ausfielen, waren wir überrascht, einen klugen, warmherzigen Film zum demografischen Wandel zu erleben, der uns optimistisch in die Zukunft blicken lässt. Sehenswert.

24

Apr

21. Work Hard Play Hard (Doku, Deutschland 2011, R: Carmen Losmann, 90 Min.), Hackesche Höfe 1, Dienstag, 24.04.2012

Willkommen in der schönen neuen Arbeitswelt: Hier soll nichts mehr an Arbeit erinnern. Wenn man in die Firma kommt, hat man Spaß und kommuniziert mit den Kollegen, so wird es suggeriert. Ganz nebenbei erledigt man seine Aufgaben, hochmotiviert natürlich. Wir sehen die Firmenzentrale von Unilever in der Hamburger Hafencity, ein großzügiges, offen gestaltetes Gebäude mit zahlreichen Arbeits-, Kommunikations- und Ruheinseln, das überhaupt nicht wie ein Bürohaus wirkt. Fest zugewiesene Plätze und Arbeitszeiten gibt es nicht mehr. Das Mobiliar soll an zu Hause erinnern. Arbeit soll sich nicht wie Arbeit anfühlen, sondern der Spaß muss im Vordergrund stehen.

Motivierte Mitarbeiter brauchen weder Kontrolle noch feste Arbeitszeiten, so lautet die Theorie. Große Sprüche werden geklopft und mit englischen Einsprengseln versehen. Im Motivationsseminar für die Deutsche Post spricht die Trainerin von den Unternehmenszielen, die sogar in die DNA der Mitarbeiter eingepflanzt werden müssen. Der Mensch und sein Privatleben bleiben dabei auf der Strecke. Außerdem solle es eine kulturelle Revolution geben. Und das auch noch initiiert von der Deutschen Post DHL? Gott steh uns bei!

Wer glaubt denn diesen ganzen Blödsinn, der in solchen Seminaren verzapft wird? Kaum jemand, wie man an den skeptischen Gesichtern der Teilnehmer ablesen kann. Trotzdem lassen wir uns von solchen Sprüchen und den dazugehörigen Klopfern bestimmen, die nicht mal den intelligentesten Eindruck machen. Aber Dummheit regiert die Welt, wie es so schön heißt. Und auch Personalmanager und Motivationstrainer müssen sich immer was Neues einfallen lassen, um ihre eigene Existenz zu sichern. Der gläserne Mitarbeiter, dessen Persönlichkeit minutiös aufgeschlüsselt mit der entsprechenden Software verwaltet wird, ist bereits Realität. Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte? Fehlanzeige!

Wir sehen ein Motivationstraining im Wald, bei dem das Team aneinandergekettet mit verbundenen Augen durch den Wald springt oder durch enge Erdtunnel kriecht. Dann wohnen wir einigen Sitzungen im Assessment-Center bei. Das ist ein weiteres Gruselkabinett, in dem die Persönlichkeit der Mitarbeiter durch stundenlange Interviews mittels Fragenlisten bis in den letzten Winkel durchleuchtet wird. Der moderne Arbeitnehmer soll wie eine Zitrone bis auf den letzten Tropfen Saft ausgepresst werden. Das ist eben die postindustrielle Gesellschaft, die geknechtete Arbeiterschaft gibt es nicht mehr, dafür geht es jetzt den Angestellten an den weißen Kragen. Letzten Endes geht es nur um Kostensenkung durch Personalabbau und die effiziente Verwertung des verbleibenden Mitarbeiterstabes. Während das 20. Jahrhundert große Visionen, Erfindungen und Kriege hervorbrachte, zeichnet sich das junge 21. Jahrhundert durch Spaßzwang und die Herrschaft der Mittelmäßigkeit aus.

Der Film, der übrigens von arte und vom ZDF mitproduziert wurde und daher bald in der Flimmerkiste zu sehen sein wird, kommt ohne Kommentar aus und überlässt es dem Zuschauer, sich seine Meinung zu bilden. Was für eine schreckliche schöne neue Welt wird uns da gezeigt! Man sitzt im Kinosessel und wünscht sich nur, seinen Lebensunterhalt sichern zu können, ohne sich so fürchterlich verbiegen zu müssen. Sehenswert.

21

Apr

20. Battleship (Science-Fiction, USA 2012, R: Peter Berg, D: Liam Neeson, Alexander Skarsgard, 131 Min.), Cubix 9, Freitag, 20.04.2012

Nach einem nahrhaften Eat-Until-You-Explode-Abendessen im Sushi Club sind wir trotz der verheerenden Kritiken in diesen Science-Fiction-Film gegangen. Schon mal vorab: Logik darf man in diesem effektreichen und lautstarken Spektakel nicht erwarten. 

2005 wird von der Satellitenstation auf Oahu, das zu der malerischen Inselkette Hawaii gehört, ein Signal in den Weltraum gesendet, um Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Kaum bestellt, schon geliefert: Die Aliens wohnen quasi um die Ecke, denn schon ein paar Jahre später reisen sie mit fünf Raumschiffen an, die bei Hawaii in den Pazifik plumpsen. Zufällig findet dort gerade ein großes Manöver der Navy statt. Der Kampf um die Herrschaft auf unserer Erde beginnt.

Die Außerirdischen verfügen über allen möglichen technischen Schnickschnack, ihre Waffen sind den unseren natürlich weit überlegen und richten großen Schaden an. Andererseits sind die Fensterscheiben ihrer Raumschiffe nicht mal kugelsicher. Die Aliens selbst sind so gebaut wie wir, dabei sind sie nicht gerade hübsch mit ihren kahlen Köpfen, zum Ausgleich zieren kecke Kinnbärte ihre Gesichter. Außerdem sind sie empfindlich gegen Sonnenlicht, was man zu ihrer Bekämpfung einsetzen könnte. Aber diese Idee wird nicht weiter verfolgt, denn man findet noch ein besseres Mittel zur Alienabwehr: Nachdem man mit modernen Kriegsschiffen erfolglos “Schiffe versenken” gespielt hat, kommen passend zum demografischen Wandel die Kriegsveteranen aus dem Zweiten Weltkrieg und aus dem Korea-Krieg, also alles Herrschaften im gehobenen Alter, auf einem museumsreifen Schlachtschiff zum Einsatz und retten die Welt.

Das übliche Programm wird geboten mit dem Versager und Navy-Späteinsteiger Alex Hopper (Taylor Kitsch), der an der Herausforderung wächst und zum Helden mutiert, nachdem sein geliebter Bruder und Navy-Offizier Stone Hopper (Alexander Skarsgard, Sohn von Stellan) im Kampf gegen die Aliens den Tod gefunden hat. Alex’ Liebesgeschichte mit Samantha Shane (Brooklyn Decker), der Tochter des Admirals (Liam Neeson), ist die Kirsche auf dem Kuchen. Auch Rihanna darf mitspielen, was sie ganz ordentlich macht. Insgesamt bleiben die Figuren blass, da die Action im Vordergrund steht. Was die Außerirdischen eigentlich auf unserem blauen Planeten wollen, erfahren wir nicht. Jedenfalls bekommen sie ordentlich was auf die Mütze - hoffentlich lauert ihr Mutterschiff nicht im Orbit!

So schön wurde nicht mehr für die Navy geworben, seit die Village People 1979 “In the Navy” gesungen haben. Immerhin war der Film nicht langweilig, obwohl es so ein Blödsinn war. Es ist höchste Zeit, dass wir endlich mal wieder einen intelligenten Science-Fiction-Film mit Außerirdischen erleben dürfen. Uninteressant.

14

Apr

19. My Week with Marilyn (Drama, Großbritannien 2011, R: Simon Curtis, D: Michelle Williams, Eddie Redmayne, 99 Min.)

England Mitte der 1950er Jahre: Der 23jährige Colin Clark (Eddie Redmayne) aus reichem Elternhaus will endlich auf eigenen Füßen stehen und im Filmbusiness arbeiten. Er ergattert seinen ersten Job als dritter Regieassistent beim berühmten Theaterschauspieler Laurence Olivier (Kenneth Branagh), der ins Filmfach wechselt und mit dem amerikanischen Hollywoodstar Marilyn Monroe (Michelle Williams) den Film Der Prinz und die Tänzerin dreht.

Die Dreharbeiten gestalten sich als Tour de Force wegen der Macken der Monroe: Ständig kommt sie zu spät und vergisst ihren Text, dann nimmt sie Tabletten und verkriecht sich krank im Bett, zudem hat sie Probleme mit ihrem frisch angetrauten und vorzeitig abgereisten Ehemann Arthur Miller. Laurence Olivier rauft sich verzweifelt die Haare. So kann er nicht arbeiten!

Ein Lichtblick am Horizont erscheint, als Marilyn Monroe ausgerechnet zu dem kleinen Regieassistenten Colin Vertrauen fasst und ihn ständig in ihrer Nähe haben will. Er wird glühend beneidet, aber auch vor der Männerfresserin Marilyn Monroe gewarnt. Doch seine Umgebung ist dem jungen Mann völlig egal, auch die junge Kostümbildnerin Lucy (Emma Watkins), mit der er sich gerade erst angefreundet hat, lässt er links liegen. Colin hat nur noch Augen für die platinblonde Schönheit mit dem verführerischen Lächeln. So beginnt für ihn eine aufregende Woche als engster Vertrauter der Monroe inklusive Nacktbaden im See und gemeinsamen, wenn auch keuschen Nickerchen in seidener Bettwäsche.

Natürlich verliebt er sich in die faszinierende Frau, aus der er gleichzeitig nicht schlau wird. Einerseits wirkt sie so verloren wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, das sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Marilyn Monroe ihre Kindheit in zahlreichen Pflegefamilien verbrachte. Andererseits setzt sie ihre Reize ganz gezielt ein, genießt ihren Status und den damit verbundenen Rummel um ihre Person. Nicht umsonst ist sie der strahlendste Stern am Filmhimmel Hollywoods mit dem entsprechenden Verdienst.

Diese Idylle findet ein Ende, als sich Marilyn Monroe wieder von dem jungen Mann zurückzieht. Colin ist am Boden zerstört. Aber Marilyn wäre nicht die Monroe ohne ein kleines Happy End, und so verabschiedet sie sich am Ende der Dreharbeiten ganz privat von ihm, er bekommt einen Kuss von roten Lippen und einen Augenaufschlag, der ihn allen Herzschmerz vergessen lässt. Zurück bleibt die Erinnerung an diese wunderbare Zeit, die Colin Clark (1932-2002) in mehreren Büchern verarbeitet hat.

Michelle Williams beweist in dieser Rolle ein weiteres Mal ihre Vielseitigkeit und spielt Marilyn Monroes unschuldigen Sexappeal ganz wunderbar. Sogar singen kann sie. Neben Michelle Williams brilliert Kenneth Branagh, der Laurence Olivier als leicht affektierten, aber dennoch sympathischen Menschen darstellt, den zwar die Marotten der Monroe zur Weißglut bringen, der sie aber insgeheim bewundert und um ihre Natürlichkeit vor der Kamera beneidet.

Colin Clark bringt das Dilemma des gemeinsamen Filmprojekts von Olivier und Monroe auf den Punkt: Marilyn Monroe ist ein Filmstar, der ernst genommen werden will, während Laurence Olivier ein ernsthafter Schauspieler ist, der ein Filmstar sein will. In den Nebenrollen sehen wir Judi Dench als moralische Instanz und Emma Watson in ihrer ersten Rolle nach der Harry-Potter-Serie. Meine Woche mit Marilyn ist ein schöner romantischer Film, den man wie einen Eisbecher mit Erdbeeren und Schlagsahne genießt. Sehenswert.

18. Mirror, Mirror/Spieglein, Spieglein: Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (Komödie, USA 2012, R: Tarsem Singh, D: Julia Roberts, Lily Collins, 106 Min.), Cinestar 1, Freitag, 13.04.2012

In diesem Jahr kommen gleich zwei Schneewittchen-Verfilmungen ins Kino. Auf diese Komödie folgt Ende Mai eine ernste Version namens Snow White and the Huntsman/Schneewittchen und der Jäger mit Charlize Theron als böse Stiefmutter und Kristen Stewart (ja, genau die aus Twilight) als Schneewittchen.

Nun zu diesem Film: “Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?” - das ist die einzige Frage, die die eitle Königin Clementianna (Julia Roberts) interessiert. Schreitet sie durch ihren Spiegel, betritt sie eine Parallelwelt, in der sie mit ihrem Spiegelbild kommuniziert. Ihr Spiegelbild ist die Stimme der Weisheit und warnt die Königin vor ihrem Hochmut, der sie zu Fall bringen wird.

In der Tat ist die Blütezeit des Landes vorüber, seit der König auf mysteriöse Weise verschwunden ist und seine zweite Ehefrau Clementianna als Alleinherrscherin das Geld mit vollen Händen ausgibt, während das Volk darben muss. Die Hoffnungsträgerin des Landes ist des Königs einzige Tochter Schneewittchen (Lily Collins, Tochter von Phil Collins), sollte sie eines Tages den Thron besteigen. Das wird ihre Stiefmutter Clementianna mit allen Mitteln verhindern, denn sie betrachtet das heranwachsende Schneewittchen zunehmend mit Neid und Eifersucht.

Eines Tages erscheint der junge, attraktive und zudem reiche Prinz Alcott (Armie Hammer) auf der Bildfläche. Die Königin ist Feuer und Flamme und will ihn um jeden Preis ehelichen, dabei hat er nur Augen für Schneewittchen. Damit ist das Schicksal des Mädchens besiegelt, die böse Königin will sie ermorden lassen. Schneewittchen flieht und wird von den sieben Zwergen aufgenommen. Diese verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Raubzüge, bei denen sie sich mit Zieharmonikabeinen als Riesen tarnen. Schneewittchen wird von ihnen zu einer mutigen Kämpferin ausgebildet, die nicht nur den Prinzen vor einer Heirat mit der Königin bewahrt, sondern auch ihre Stiefmutter mitsamt ihrer schwarzen Magie besiegt und somit das Land vom Joch des Bösen befreit.

Herausragend ist Julia Roberts als herrlich boshafte Königin, insbesondere in Interaktion mit ihrem treu ergebenen Diener und Fußabtreter Brighton (Nathan Lane), den sie vor Wut sogar in einen Kakerlak verwandelt, und dem Prinzen Alcott, dem sie aus Versehen einen Liebestrank für Hunde einflößt. Das Schneewittchen wirkt gegen diese geballte Stiefmutterpower etwas blass. Auffallender sind ihre Augenbrauen im Theo-Waigel-Stil. Mit den opulenten Kostümen wird viel fürs Auge geboten. Auch wenn der Film mit Grimms Märchen nur wenig zu tun hat und man lange auf den vergifteten Apfel warten muss, wird durchaus charmante Unterhaltung mit einem knallbunten Bollywood-Abschluss geboten. Diskussionswert.

08

Apr

17. Iron Sky (Komödie, Finnland/Deutschland/Australien 2011, R: Timo Vuorensola, D: Götz Otto, Udo Kier, 93 Min.), Central 1, Karfreitag, 06.04.2012

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches im Jahre 1945 sind seine Vertreter nicht nur nach Südamerika, sondern auch auf den Mond geflüchtet. Dort haben sie sich auf der dunklen Seite unseres Erdtrabanten eine hakenkreuzförmige Heimstatt errichtet, in der sie fröhlich ihrer Ideologie frönen. Der Führer heißt nun Wolfgang Kortzfleisch (Udo Kier), aber sein junger Rivale Klaus Adler (Götz Otto) steht schon in den Startlöchern, um ihn zu abzulösen und mit seiner Freundin, der Lehrerin Renate Richter (Julia Dietze) die Herrschaft zu übernehmen.

Mit Ruhe und Frieden ist es vorbei, als 2018 eine von der US-Präsidentin (Stephanie Paul als Sarah-Palin-Lookalike) zu Wahlkampfzwecken initiierte amerikanische Mondmission mit dem ersten schwarzen Astronauten James Washington (Christopher Kirby) landet. Dieser staunt nicht schlecht, als er von den Mondnazis gefangen genommen wird. Da sie nun entdeckt wurden, beschließen sie, ihre ruhige Existenz auf dem Mond zu beenden und die Erde wiederzuerobern. Dazu steht bereits ein gigantisches Raumschiff, die Götterdämmerung, bereit. Es hapert nur an der Technik, da selbst das Smartphone von James Washington mehr Rechnerleistung hat als der riesige Computer der Götterdämmerung. Klaus Adler und Renate Richter werden daraufhin zur Erde nach New York geschickt, um weitere Smartphones zu akquirieren, damit die Götterdämmerung gestartet werden kann.

Dort sind die Mondnazis zuerst willkommen und unterstützen die US-Präsidentin im Wahlkampf, bis ihre wahren Absichten bekannt werden. Mit Reichsflugscheiben wollen die Mondnazis mithilfe von herbeigeschleppten Asteroiden den Meteor-Blitzkrieg starten. Ein Kampf gegen Nazis ist immer prestigeträchtig und kommt der US-Präsidentin außerdem gerade recht, um die Bodenschätze des Mondes für die USA zu sichern, denn unser Erdtrabant sei sowieso amerikanisches Eigentum. Dafür steht das als Marserkundungsschiff getarnte waffenstrotzende Raumschiff George W. Bush bereit. Da hat sie die Rechnung allerdings ohne den Wirt bzw. die Mitglieder der UNO gemacht, denn alle (außer die Finnen) schicken eigene Raumschiffe in den Kampf. Alle wollen ein Stück vom Kuchen bzw. vom Mond abhaben.

Viele Motive erkennt man wieder aus Science-Fiction Klassikern wie Star Wars, Star Trek und Independence Day. Die Idee ist zwar originell und mit Liebe zum Detail umgesetzt, viele lustige Szenen gibt es auch, in denen ein bitterer, wahrer Kern steckt (Sarah Palin und die ultrakonservative Tea-Party-Bewegung), aber leider kommt die Handlung nicht so richtig in Schwung. Der Film kam durch Crowdfunding bzw. Schwarmfinanzierung via Internet zustande. Er feierte seine Premiere im Panorama der diesjährigen Berlinale und erfreute sich großer Beliebtheit beim Publikum, jedenfalls waren die Karten für sämtliche Sitzungen ratzputz ausverkauft. Eine Fortsetzung ist auch schon geplant. Annehmbar.

16. Kongen av Bastoy/King of Devil’s Island (Drama, Norwegen/Polen/Frankreich/Schweden 2010, R: Marius Holst, D: Stellan Skarsgard, Benjamin Helstad, 116 Min.), Hackesche Höfe 5, Karfreitag, 06.04.2012

Dieser Film aus dem Jahre 2010 war mit 300.000 Zuschauern ein Publikumsrenner in Norwegen. Bei 5 Millionen Einwohnern sind sagenhafte 6 Prozent der Bevölkerung ins Lichtspieltheater geeilt. Nun ist das nordische Meisterwerk endlich bei uns angelaufen. Es beruht auf einer wahren Geschichte, denn die Besserungsanstalt für Jungen zwischen 9 und 21 Jahren auf der Insel Bastoy im Oslo-Fjord existierte tatsächlich von 1900 bis 1953. Im Jahre 1915 kam es zu einem Aufstand der Insassen, der von der Armee brutal niedergeschlagen wurde.

Im frostigen Herbst 1915 kommen der 17jährige Erling (Benjamin Helstad) und der jüngere Ivar (Magnus Langlete) nach Bastoy. Hier sollen harte Arbeit auf dem Feld und im Wald, dazu schmale Kost und drakonische Strafen die Jungen läutern. Ihre Namen werden durch Nummern ersetzt, Erling wird zu C19, Ivar zu C5. Ist der Herr Heimleiter - auf Norwegisch der Hr. Bestyrer (Stellan Skarsgard) - der Meinung, dass sie zu guten Christenmenschen geworden sind, dann dürfen sie auf Entlassung hoffen. 

Während der Seemann Erling die Härte des Lebens bereits kennengelernt hat, gerät der unbedarfte Ivar ins Visier des Hausvaters Brathen (Kristoffer Joner), der den zierlichen Knaben sexuell missbraucht. Der kräftige Erling legt sich dafür mit den Autoritäten an und hegt Fluchtpläne. Seine Unbeugsamkeit imponiert den Jungen und insbesondere Olav (Trond Nilssen), den Musterschüler des Heimleiters, der auf baldige Entlassung hoffen darf. Olav ist bereits seit sechs Jahren auf Bastoy, nachdem er als Elfjähriger Geld aus der Kollekte gestohlen hat.

Zwischen den beiden Jungen entwickelt sich eine enge Freundschaft. Olav wechselt auf Erlings Seite und zettelt mit ihm die Revolte der Jugendlichen gegen ihre Unterdrücker an. Auf dem Höhepunkt des Aufstands verlangt Erling per Telefon im Büro des geflohenen Heimleiters als König von Bastoy mit dem norwegischen König zu sprechen. Das ist ein lustiger und entspannender Augenblick, die Ruhe vor dem Sturm sozusagen. Die Antwort der Staatsmacht kommt in Form eines Kriegsschiffes, dessen vielköpfige Besatzung den Aufstand der ca. 50 Jugendlichen im Handumdrehen niederschlägt und somit Ruhe und Ordnung wieder herstellt. Olav und Erling können entkommen und laufen über den zugefrorenen Fjord in Richtung Festland, aber nur einer wird die Flucht durch die weiße Hölle überleben.

Wer hier die eigentlich Bösen sind, ist ganz klar: Es sind die Vertreter einer verlogenen Moral mit dem Heimleiter, der finanzielle Zuwendungen in die eigene Schatulle fließen lässt, und dem Hausvater, der sich ungestraft an den zierlichen Knaben vergeht. Auch die Heimaufsichtskommission kommt nicht besser weg, denn sie interessiert sich nicht wirklich für die Belange der Jugendlichen. Keiner muss für seine Taten einstehen, denn sie sind ja die Vertreter der Staatsmacht und sitzen am längeren Hebel. Die Jugendlichen haben keine Chance gegen das System. Man muss außerdem bedenken, dass damals generell ein streng autoritäres Erziehungsideal herrschte. Gottseidank haben sich in der Hinsicht die Zeiten geändert.

Die kalten, ausgeblichenen gen Schwarz-Weiß tendierenden Farben schaffen die passende Atmosphäre für dieses fesselnde Drama mit seinen beeindruckenden jungen Hauptdarstellern um Macht, Härte und Ungerechtigkeit, aber auch um Freundschaft und Hoffnung. Dazu war es im Kinosaal fast so kalt wie auf der Insel. Berlinale-Feeling kam auf, da wir den Film in der Originalversion erleben durften. Die norwegische Sprache ist zugänglicher als Dänisch, mit Niederländisch-Kenntnissen kann man sogar ein paar Brocken mehr aufschnappen. Herausragend.

31

Mar

15. The Woman in Black/Die Frau in Schwarz, Horrorthriller, Großbritannien/Kanada 2012, R: James Watkins, D: Daniel Radcliffe, Ciarán Hinds, 95 Min.), Cinestar 5, Freitag, 30.03.2012

Es ist soweit: Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe ist in seiner ersten Erwachsenenrolle zu sehen! Er spielt den jungen Anwalt Arthur Kipps, der am Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem 4jährigen Sohn und dessen Kindermädchen in London lebt. Die Mutter des Jungen ist bei der Geburt gestorben.

Als Arthur ins ländliche Yorkshire reist, um den Nachlass einer kürzlich verstorbenen Witwe zu ordnen, empfängt ihn die lokale Bevölkerung feindselig und hindert ihn mit allen Mitteln daran, das Haus dieser Frau aufzusuchen. Dort lebte einst auch Jennet Humfrye, die ihren Sohn bei einem tragischen Unfall im Moor verlor, wofür sie die Dorfbewohner verantwortlich machte. Seit ihrem eigenen Tod geht ihr Geist als sogenannte Schwarze Frau im Eel Marsh House um und nimmt Rache: Immer wieder sterben Kinder unter mysteriösen Umständen, nachdem die Schwarze Frau aufgetaucht ist. Daher meidet die Dorfbevölkerung das Eel Marsh House um jeden Preis.

Arthur glaubt nicht an Spukgeschichten, und schließlich findet sich doch noch ein Kutscher, der ihn in das einsam auf einem Hügel mitten im Moorland gelegene Anwesen bringt. Dort wird er schnell eines Besseren belehrt, als mechanisches Spielzeug zum Leben erwacht und andere unheimliche Dinge geschehen.

Die in kühle Farben getauchte Atmosphäre, in der Daniel Radcliffes wundervolle blaue Augen umso mehr zur Geltung kommen, stimmt auf das Unheil ein, das ihn in dem Spukhaus erwartet. Hier geht es rund: Der Horroreffekt kommt durch viele kleine Erschreckerli zustande, die den Zuschauer im Kinosessel hochfahren lassen. Endlich läuft mal wieder ein richtig altmodischer Gruselfilm im Kino! Kein Wunder, stammt er doch aus den wiederbelebten britischen Hammer-Studios, in denen seinerzeit die legendären Dracula-Filme mit Christopher Lee als Blutsauger entstanden sind.

Daniel Radcliffe überzeugt durchaus, ist aber trotz leichtem Bartwuchs und Koteletten zu jung für die Rolle eines verwitweten Vaters. Dem Film liegt übrigens ein moderner Klassiker des Schauerromans zugrunde, der auch gern im Theater aufgeführt wird. Noch nie habe ich von dem 1983 erschienenen gleichnamigen Buch von Susan Hill gehört, das ich mir sofort nach dem Filmgenuss zugelegt habe. Kino bildet eben. Sehenswert.