1. Meine Filme 2014

    Von meinen insgesamt 26 Filmen waren 1 herausragend, 2 sehenswert mit Sternchen, 12 sehenswert, 4 diskussionswert, 5 annehmbar, 1 zwiespältig und 1 ärgerlich.

     

  2. 26. Jimmy’s Hall (Drama, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014, R: Ken Loach, D: Barry Ward, Simone Kirby, 109 Min.), Central 1, Freitag, 12.09.2014

    Acht Jahre nach The Wind That Shakes The Barley, wo es um den Irischen Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921 geht, beschäftigt sich der neue Film von Ken Loach wieder mit Irland. Wir befinden uns nun im Jahr 1932, der Irische Freistaat besteht bereits seit 10 Jahren. Die bitteren Jahre sind vorbei, so mag man denken, aber damit liegt man völlig falsch. Nach wie vor herrschen Unrecht und Willkür auf der schönen Grünen Insel.

    Jimmy Gralton (Barry Ward) kehrt nach 10jährigem Aufenthalt in den USA in sein Heimatdorf in der Grafschaft Leitrim zurück, um wieder bei seiner alten Mutter im kleinen Bauernhaus zu wohnen. Das Leben hier ist karg und eintönig, die Landwirtschaft wirft nicht viel ab und elektrisches Licht hat noch keiner in seinem Haus.

    Was fehlt hier? Na klar, Lebensqualität und Lebensfreude, sprich ein Treffpunkt, wo die Menschen zusammenkommen, an selbst organisierten Kursen teilnehmen und sich bei Tanzveranstaltungen vergnügen können. Rückblende: So einen Versammlungsort hatte Jimmy Gralton bereits 1922 aufgebaut und mit großem Erfolg betrieben. Soviel Aktivismus mit womöglich kommunistischem Hintergrund war der Obrigkeit suspekt, sodass Jimmy sich seiner drohenden Verhaftung nur durch Auswanderung in die USA entziehen konnte. Nun ist er zurück und wird von allen Seiten bestürmt, die Pearse Connolly Hall wieder aufleben zu lassen. Gesagt, getan, alle packen mit an, und schon bald gibt es in Leitrim wieder einen Ort für Spiel, Spaß und Spannung.

    Die Freude hält nicht lange an, denn Jimmy’s Hall ist der Obrigkeit wiederum ein Dorn im Auge. Die Pfaffen (Jim Norton, Andrew Scott) fürchten um ihre Autorität bei soviel Eigeninitiative jenseits der Kirche. Selbstbewusste, fröhliche Schäfchen sind eben nicht so leicht in Schach zu halten. Außerdem fördert Lachen den Ungehorsam, denn worüber man lacht, das fürchtet man nicht, wie es uns einst der ehrwürdige Jorge in Der Name der Rose (1986) erklärte. Daher muss die Pearse Connolly Hall verschwinden, und das so schnell wie möglich! Staatsmacht und Kirche arbeiten in ihrer Red Scare - Angst vor dem Kommunismus - Hand in Hand, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und die aufmüpfige Dorfgemeinschaft in ihre Schranken zu weisen.

    Unserem tapferen Helden wird böse mitgespielt. Jimmy wird unter einem Vorwand verhaftet und ruckzuck ohne Verfahren des Landes verwiesen, ohne dass er sich von seiner Mutter verabschieden kann. Dennoch sind die Menschen in Leitrim fest entschlossen, sich nicht mehr unterbuttern zu lassen.

    Typisch für Ken-Loach-Filme ist der Working Class Hero, der auch mal den langen Zipfel von der Wurst erwischt, was der Zuschauer mit Wohlwollen quittiert. Das klappt hier mit der Deportation des Helden leider nicht so ganz. Dafür handelt es sich um eine wahre Geschichte von der in melancholischem Grün gehaltenen Insel Irland. Der politische Aktivist James Gralton (1886-1945) war der einzige Ire, der jemals aus seinem eigenen Land ausgewiesen wurde. Das geschah unter dem Vorwand, dass er die US-Staatsbürgerschaft angenommen und damit die irische verwirkt hatte.

    Jedenfalls ist das ein interessanter Film zur jüngeren Geschichte Irlands, der dazu anregt, mehr über die Grüne Insel zu lesen. Leider will Altmeister Ken Loach mit 78 Lenzen in den Ruhestand gehen und uns nicht mehr mit seinen Filmen erfreuen. Sehenswert.

     

  3. 25. Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit/Still Life (Drama, Italien/Großbritannien 2013, R: Uberto Pasolini, D: Eddie Marsan, Joanne Froggat, 92 Min.), Kant 2, Freitag, 05.09.2014

    Eddie Marsan ist uns ein Begriff aus Happy-Go-Lucky (2008), wo er den miesepetrigen Fahrlehrer Scott spielt. Für den obligatorischen Blick in den Rückspiegel hat er sich eine merkwürdige Eselsbrücke einfallen lassen: Der Spiegel ist das Auge in der Spitze der Pyramide, genannt Enraha. Also brüllt er ständig „Enraha“ während der Autofahrt mit seiner Fahrschülerin Poppy (Sally Hawkins), die sich vor Lachen kaum noch halten kann. Diese Szenen gehören zu den lustigsten und zugleich denkwürdigsten des Films.

    Hier ist Eddie Marsan in einer ganz anderen, sehr besinnlichen Rolle zu sehen. Als Mitarbeiter eines Londoner Bezirksamtes kümmert er sich um die Bestattung von Menschen, die einsam und verlassen gestorben ist. Dabei macht John May nicht einfach Dienst nach Vorschrift, sondern befasst sich anhand des Nachlasses mit dem Leben jedes einzelnen Verstorbenen, um ihm oder ihr die passende Beerdigung zukommen zu lassen. Der Blick in Fotoalben zeigt, dass auch diese einsamen Menschen einst in einen Familien- und Freundeskreis eingebunden waren.

    Nun kann man sagen, dass es uns doch eigentlich egal sein kann, wie wir unter die Erde kommen, da wir es sowieso nicht mehr mitbekommen werden. Andererseits wissen wir nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gibt. Das werden wir erst in der Stunde unseres eigenen Todes erfahren.

    Als John Mays Arbeitsplatz den obligatorischen Sparmaßnahmen zum Opfer fällt, darf er nur noch einen allerletzten Fall abschließen. Hierbei handelt es sich ausgerechnet um einen Mann, der im selben Wohnblock wie Mr. May gelebt hat. Es gibt auch Hinweise auf Familie und Freunde, denen Mr. May mit detektivischer Spürnase nachgeht.

    Dabei kommt er endlich mal aus seinem Alltagstrott heraus, den sich der 44jährige seit seinem halben Leben auferlegt hat mit demselben Arbeitsplatz, derselben Routine und ohne private Sozialkontakte - tagein, tagaus, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Er lernt sogar zu lächeln, und die Zukunft sieht auf einmal ganz rosig aus. Plötzlich und unerwartet kommt dann alles ganz anders.

    Die Frage, ob es ein Leben nach dem Tode gibt, hat John May für sich schon beantwortet, und der Film gibt ihm recht. Soziale Isolation ist vor allem ein Problem in der Großstadt. Früher auf dem Land wäre das nicht passiert, da Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen eine willkommene Abwechslung vom arbeitsreichen Alltag boten. Das hat sich keiner entgehen lassen. Die Anonymität, die für manche Menschen in die soziale Isolation mündet, ist der Preis, den wir Großstädter für unsere Freiheit zahlen müssen.

    Dieser preisgekrönte Film ist an sich nicht schlecht, wenn er in der Mitte nicht so schrecklich langatmig wäre. Für anderthalb Stunden ist leider nicht genug Stoff vorhanden. Lichtblicke sind Eddie Marsan mit seiner stoischen Miene sowie die genau beobachtete Sozialwohnungsrealität der Londoner working class. Diskussionswert.

     

  4. 24. Die geliebten Schwestern (Drama, Deutschland/Österreich 2014, R: Dominik Graf, D: Florian Stetter, Hannah Herzsprung, 139 Min.), Cinemaxx 14, Freitag, 29.08.2014

    Im Anschluss an unser Gelage in der Pizzahütte haben wir uns für diesen Film entschieden, der schon seit einigen Wochen in den Lichtspieltheatern läuft.

    Ah l’amour, quand tu nous tiens! Als Schiller (1759-1805, Florian Stetter) im Sommer 1788 das Schwesternpaar Lengefeld kennenlernt, ist er hingerissen. Kein Wunder, da die Schwestern nicht nur anziehend, sondern auch so unterschiedlich sind wie Feuer und Eis. Die bereits – wenn auch unglücklich - verheiratete Caroline von Beulwitz (1763-1847, 1794 geschieden, Hannah Herzsprung) ist eine leidenschaftliche und darüber hinaus emanzipierte Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist. Damals lassen die strengen gesellschaftlichen Regeln den Frauen keinerlei Raum zur Entfaltung, denn ein Platz außerhalb der Ehe ist nicht vorgesehen. Nicht mal als Gasthörerinnen dürfen sie einen Fuß in die Alma Mater setzen.

    Zurück zu den Lengefelds: Im Gegensatz zu Caroline ist ihre jüngere Schwester Charlotte von Lengefeld (1766-1826, Henriette Confurius) geradezu ein Bild der Vernunft. Auch die Schwestern sind ganz entzückt von Friedrich Schiller, dessen gebremster Charme bei der Damenwelt gut ankommt. Florian Stetter ist übrigens ein schmucker Schiller. Der große Dichter leidet zwar zeitlebens unter gesundheitlichen und finanziellen Problemen, hat aber immerhin einen Schlag bei den Frauen.

    So sehr sich die Zeiten auch geändert haben, gleich geblieben ist die Mühseligkeit eines Autorenlebens. Die Schriftstellerei ist oftmals eine brotlose Kunst, was Schiller am eigenen Leib erfahren muss. Bettelbriefe an potenzielle Mäzene gehören zu seinem täglichen Brot. Allerdings verschwendet er in der Leichtigkeit des Sommers 1788 keinen Gedanken daran, da Amors Pfeile sowohl ihn als auch die Schwestern Lengefeld gleichermaßen getroffen haben. Sehnsüchtig erwartete Treffen wechseln sich ab mit Briefen voller verschlüsselter Botschaften. Die chère mère Louise von Lengefeld (1743-1823, Claudia Messner) ist angesichts des Treibens ihrer beiden Töchter mit dem armen Poeten ganz beunruhigt.

    Der Film schmückt fantasievoll aus, worauf es nur zarte Hinweise gibt. Fest steht, dass Schiller anno 1790 die brave Charlotte ehelicht, obwohl ihn mit Caroline nicht nur die Liebe zur Literatur verbindet. Übrigens trifft Caroline (1794 Heirat mit Wilhelm von Wolzogen (1762-1809), Ronald Zehrfeld) mit ihrem in Schillers Zeitschrift „Die Horen“ anonym veröffentlichten, empfindsamen Fortsetzungsroman „Agnes von Lilien“ (1797) den Nerv der Zeit.

    Hat Schiller etwa die falsche Schwester geheiratet, wie es der Film suggeriert? Vielleicht tut man andererseits Charlotte Unrecht, indem man sie zum Hausmütterchen abstempelt, das die Verbindung zwischen ihrer Schwester und Schiller mit Argwohn betrachtet. Einst schworen sich die Schwestern am Rheinfall von Schaffhausen ewige Treue. Leider kann der Traum von einer Ménage-à-trois der Realität nicht standhalten.

    Kino bildet, denn noch am selben Abend habe ich eine Schiller-Biographie zur Hand genommen. Der Film beschränkt sich nicht nur auf den unbeschwerten Sommer am Vorabend der Französischen Revolution, sondern lässt Schillers Leben Revue passieren - obwohl die eigentliche Hauptfigur Caroline von Wolzogen ist.

    Schade, dass Dominik Graf im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale leer ausgegangen ist. Vielleicht lag es an der Überlänge der Berlinale-Fassung. Jedenfalls hätte ich diese zusätzliche halbe Stunde liebend gern auch noch genossen, da mich die malerischen Landschaftsbilder, die knarrenden Dielen und das sanfte Kerzenlicht in die Atmosphäre des späten 18. Jahrhunderts entführt haben. So wird Literaturgeschichte anschaulich und unterhaltsam zugleich präsentiert. Im Fernsehen wird der Film als Zweiteiler von insgesamt 190 Minuten Länge zu sehen sein, darauf freue ich mich schon jetzt. Herausragend.

     

  5. 23. Lucy (Science-Fiction, Frankreich 2014, R: Luc Besson, D: Scarlett Johansson, Morgan Freeman, 89 Min.), Cubix 9, Freitag, 22.08.2014

    Alles begann vor drei Millionen Jahren mit unserer Urmutter Lucy. Wie sehr hat sich die Menschheit seitdem entwickelt! Und dabei nutzen wir nur 10% unserer Gehirnkapazität. Was wäre, wenn wir unsere zerebralen Möglichkeiten voll und ganz ausschöpfen würden?

    Im Großstadtdschungel von Taipeh wird die junge Lucy (Scarlett Johansson) von ihrem falschen Freund in die Abgründe der koreanischen Drogenmafia hineingezogen. Sie muss als Kurierin herhalten, dazu wird ein Beutel mit einer neuartigen, hochwirksamen Droge in ihren Bauch eingenäht. So ausgestattet soll sie mit einigen Leidensgenossen nach Europa fliegen. Als der Plastikbeutel platzt, ist sie der unglaublich hohen Dosis eines Wachstumshormons ausgesetzt.

    Der Stoff bringt ihr Gehirn auf Hochtouren und beflügelt nicht nur ihre Intelligenz: Erst hat sie die totale Kontrolle über ihren eigenen Körper, dann durch Telepathie und Telekinese auch über ihre Umwelt, bis sie schließlich Raum und Zeit beherrscht. Passenderweise lernen wir den berühmten Neurologen Samuel Norman (Morgan Freeman) kennen, der an der Pariser Sorbonne einen Vortrag über die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns hält. So erfahren wir wissenschaftlich fundiert, was mit Lucy geschieht.

    Sie muss nun schleunigst nach Paris, um Professor Norman zu treffen und mit dem schmucken französischen Polizisten Pierre del Rio (Amr Waked) den Übeltätern das Handwerk zu legen. Hat der Film als spannender Action-Thriller mit durchaus plausibler Geschichte begonnen, rückt die Action trotz des blutigen Showdowns in Paris in den Hintergrund. Leider nimmt die Science-Fiction-Handlung mit Lucys Transformation nicht so richtig Fahrt auf, sodass zwischendurch ein bisschen Langeweile aufkommt. Der Film bleibt trotz seiner fantasievollen Effekte unentschlossen und traut sich nicht so recht, seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Im Gegensatz dazu geht Inception (2010) unserem Bewusstsein auf den Grund, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

    Die Frage nach dem Sinn und Zweck unserer ungenutzten Gehirnkapazität bleibt offen. Was hat unser (außerirdischer) Schöpfer sich bloß dabei gedacht? Zum Trost für uns gewöhnliche Sterbliche sei gesagt, dass wir im Rahmen unserer bescheidenen Existenz ausreichend ausgestattet sind, mehr Gehirnschmalz wäre alles andere als bekömmlich. Also sollten wir das Geschenk des menschlichen Lebens, das mit Urmutter Lucy vor drei Millionen Jahren begann, sinnvoll nutzen, so lautet die Botschaft.

    Mit beeindruckenden Bildern und Spezialeffekten wird ordentlich was fürs Auge geboten. Als das Superhirn Lucy auf dem Flug nach Paris ein Glas Champagner trinkt, führt das fast zur Auflösung ihres Körpers, da ihr Organismus schon längst auf Selbstverwaltung umgestellt hat und keine Energiezufuhr von außen toleriert. Auflösung durch Sekt? Wir sollten unseren Proseccokonsum überdenken!

    Unser Kinobesuch fand nach einem ausgiebig begossenen Abendessen im Steakhaus Escados plus Keksmischung aus dem im Neubau am Alex gelegenen französischen Süßwarenladen La Cure Gourmande statt. Im Cubix wollte uns der Warmduscher von Ticketmaster keinesfalls in der dritten Reihe platzieren, da man doch unmöglich so weit vorne sitzen könne. Schließlich saßen wir in der vierten Reihe und fühlten uns pudelwohl.

    Insgesamt ist das ein beeindruckender, wenn auch etwas merkwürdiger Film von Luc Besson, über den ich noch eine Weile nachgedacht habe. Scarlett Johansson beweist, dass sie sich vom großäugigen Mädchen in Das Mädchen mit dem Perlenohrring (2003) zur ernstzunehmenden Schauspielerin gemausert hat. Sehenswert.

     

  6. 22. Dawn of the Planet of the Apes - Planet der Affen: Revolution (Science-Fiction, USA 2014, R: Matt Reeves, D: Andy Serkis, Jason Clarke, 131 Min., 3D), Cinestar 8, Freitag, 08.08.2014

    10 Jahre sind vergangen, seitdem das gefährliche Retrovirus ALZ-113 freigesetzt wurde und die Affenbande nach einem grandiosen Showdown auf der Golden Gate Bridge in den Wald entschwunden ist. Das Virus hat einen Großteil der Menschen dahingerafft, die letzten Überlebenden vegetieren in der verfallenden Stadt ohne Strom und fließend Wasser dahin. Unbehelligt von den Menschen leben die Affen in ihrer Waldsiedlung.

    Als eines Tages ein Expeditionstrupp von Menschen unter der Führung von Malcolm (Jason Clarke) sich der Affensiedlung nähert, bricht der Konflikt wieder auf. Während Caesar (Andy Serkis), der charismatische Anführer der Affen, weiterhin an das Gute glaubt und eine friedliche Koexistenz mit den Menschen anstrebt, hat sein aggressiver Gegenspieler Koba (Toby Kebbell) Böses im Sinn. Geprägt von seinem Leiden im Versuchslabor kennt er nur das Verlangen nach Rache. Er reißt die Herrschaft an sich und zettelt einen Krieg gegen die Menschen an. Meine Güte, San Francisco wird in den Filmen der letzten Zeit arg gebeutelt, erst tritt Godzilla mit seinen Riesenfüßen alles platt, und nun fällt auch noch die Affenbande über die Stadt her.

    War man im ersten Teil Rise of the Planet of the Apes/Planet der Affen: Prevolution auf der Seite der geknechteten und geschundenen Tiere, so erkennt man nun, dass Affen auch nicht die besseren Menschen sind. Auf beiden Seiten gibt es gute und böse Exemplare. Caesar stellt bestürzt fest, wie ähnlich seine Artgenossen den Menschen geworden sind, insbesondere was Arglist und Missgunst anbelangt. Vielleicht ist das der Preis der Intelligenz. Sogar sprechen haben die Affen gelernt, wenn auch nur in stark vereinfachten Sätzen. Das reicht vollkommen, um die Botschaft zu übermitteln, die menschliche Logorrhö haben sie sich noch nicht angeeignet.

    Es geht um die immer wiederkehrenden Themen der Menschheit beziehungsweise Affenheit: Liebe und Vertrauen versus Hass und Misstrauen. Gute und böse Eigenschaften stehen in ständigem Kampf miteinander, begrenzen sich gegenseitig. Wird es Frieden zwischen den wenigen verbleibenden Menschen und den Affen geben? Es sieht nicht danach aus, genauso wenig wie es im wirklichen Leben trotz aller Bemühungen jemals Frieden auf Erden geben wird.

    An den fulminanten ersten Teil reicht der zweite nicht ganz heran, da er einige Zeit braucht, um in Fahrt zu kommen. Dennoch bin ich mit der Neubearbeitung des Stoffes zufrieden und bereits auf den dritten Teil gespannt, der hoffentlich nicht wieder drei Jahre auf sich warten lässt. Sicherlich wird dann die im ersten Teil gestartete lost in space Marsmission zurückkehren und sich über die Veränderungen auf ihrem Heimatplaneten wundern. Sehenswert.

     

  7. 21. Jersey Boys (Drama, USA 2014, R: Clint Eastwood, D: Christopher Walken, John Lloyd Young, 134 Min.), Kant 2, Freitag, 01.08.2014

    Der Film basiert auf dem gleichnamigen Musical von 2005, das die Bandgeschichte der Four Seasons erzählt. Deren Leadsänger, Frankie Valli war mir bisher nur ein Begriff aus dem Film Grease (1978). Dort singt er den von Barry Gibb komponierten Titelsong. Allerdings ist er Ende der siebziger Jahre schon längst ein alter Hase im Musikgeschäft. Mit bürgerlichem Namen Francis Castelluccio wächst er in einfachen Verhältnissen im italienischen Viertel von Newark, New Jersey auf. Hier haben junge Männer nur drei Zukunftsoptionen: Sie können zur Armee gehen und getötet werden, sich der Mafia anschließen und ebenfalls getötet werden oder sie werden berühmt.

    Auf Drängen seines Freundes Tommy DeVito (Vincent Piazza) entscheidet sich der mit einer hohen, ungewöhnlichen Stimme gesegnete Frankie Valli (John Lloyd Young) für die dritte Möglichkeit. In den fünfziger Jahren dümpeln sie in diversen Bands dahin. Als sie sich 1962 mit Bob Gaudio (Erich Bergen) und Nick Massi (Michael Lomenda) zu The Four Seasons zusammenschließen, geht es mit den Kompositionen aus der Feder von Bob Gaudio endlich aufwärts. Es folgt eine Welle von Nummer eins Hits in den USA mit Sherry, Big Girls Don’t Cry und Walk Like A Man sowie eine stattliche Anzahl von Top 40 Hits.

    Brav chronologisch abgearbeitet wird die Bandgeschichte vom ersten unter einer Straßenlaterne einstudierten Song bis zum Zerwürfnis der Four Seasons. Schließlich bleiben mit Frankie Valli und Bob Gaudio nur noch zwei Jahreszeiten übrig. Während Bob ausschließlich komponiert und produziert, muss Frankie weiterhin auf Tour, nun mit Studiomusikern, um die Schulden seines flatterhaften Freundes Tommy DeVito abzustottern und finanziell wieder auf einen grünen Zweig zu kommen.

    Durch die langen Abwesenheiten von der Familie ist er seinen Kindern entfremdet. Sie wundern sich über den Onkel, der ab und zu mal zu Besuch kommt. Beziehungen gehen in die Brüche. Dann stirbt auch noch seine Lieblingstochter Francine an einer Überdosis. Frankie Valli zahlt den Preis für ein scheinbar erfülltes Musikerleben. 1990 ist er endlich im Olymp angekommen, als er gemeinsam mit The Four Seasons in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wird. In den USA landet er als Solokünstler mit My Eyes Adored You (1974) und Grease (1978) zwei Nummer eins Hits.

    Als Gimmick wenden sich die vier Musiker abwechselnd direkt ans Publikum, um uns ihre Gedanken und Meinungen mitzuteilen. So wird man aus dem Kino heraus in den Theatersaal hineinversetzt, ohne sich an diesem Hochsommerabend vom Fleck rühren zu müssen. Chic, dass die Musik der Sixties nicht zu kurz kommt. Lieder wie Rag Doll kennt man ja aus dem Radio, auch wenn man sie nicht unbedingt mit den Four Seasons in Verbindung gebracht hätte. Jedenfalls spukt mir seit dem Kinobesuch das Repertoire der vier Jahreszeiten im Kopf herum.

    Außer Christopher Walken als Mafiaboss spielen keine großen Stars mit. Clint Eastwood hat also jungen Talenten eine Chance gegeben, und die machen ihre Sache ganz ordentlich. Insgesamt ist das alles ganz nett und einigermaßen kurzweilig, aber bis auf die Musik nicht so richtig mitreißend. Da hat der Altmeister schon weitaus bessere Filme gemacht. Annehmbar.

     

  8. 20. Monsieur Claude und seine Töchter/Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu? (Komödie, Frankreich 2014, R: Philippe de Chauveron, D: Christian Clavier, Chantal Lauby, 97 Min.), Cinemaxx 4, Freitag, 25.07.2014

    Nun ist der Publikumsrenner aus Frankreich endlich gestartet. Bei uns erhält er sowohl positive als auch negative Kritiken. An diesem regnerischen Sommerabend haben sich die Leute im vollbesetzten Kinosaal jedenfalls prächtig amüsiert, es kam sogar so richtig ausgelassene Berlinale-Stimmung auf.

    Ohne Umschweife geht es gleich zur Sache, wir erleben im Schnelldurchlauf die Hochzeiten der Töchter des gutsituierten Ehepaars Marie (Chantal Lauby) und Claude Verneuil (Christian Clavier) aus Chinon. Isabelle (Frédérique Bel) heiratet den arabischstämmigen Rachid (Medi Sadoun), Odile (Julia Piaton) den Juden David (Ary Abittan) und Ségolène (Émilie Caen) den Chinesen Chao Ling (Frédéric Chau). Die Eltern machen gute Miene zum bösen Spiel. Im betulichen Chinon, das in der wunderschönen Touraine liegt, gehen die Uhren eben noch ein wenig langsamer. Nun ruhen ihre Hoffnungen auf der jüngsten Tochter Laure (Élodie Fontan). Möge wenigstens sie einen katholischen Franzosen ohne Migrationshintergrund ehelichen!

    Dann verkündet Laure ihre Heiratspläne mit Charles (Noom Diawara). Zwar ist er immerhin Katholik, aber von schwarzer Hautfarbe. Nun sind selbst Laures Schwestern und ihre Ehemänner alarmiert. Den armen Eltern könne man unmöglich einen vierten exotischen Schwiegersohn zumuten! Aber auch Charles’ Eltern, insbesondere sein brummiger Vater André (Pascal Nzonzi), sind über eine weiße Schwiegertochter in spe nicht erfreut. Dennoch findet die Hochzeit unter dem blauen Himmel von Chinon auf dem großzügigen Anwesen der Verneuils statt. Die Eltern des Bräutigams reisen von der Elfenbeinküste an. Während sich die Mütter Marie und Madeleine (Salimata Kamate) schnell einig sind, treffen mit Claude und André zwei Streithähne aufeinander.

    Konfliktpotential gibt es also genug, und das gibt dem Film Tempo und Würze. Rassismus hin, Rassismus her, jede Hautfarbe, Religion und Herkunft kriegt hier ihr Fett weg. Herrlich wohltuend ist das fehlende Korsett der politischen Korrektheit. Ein bisschen rassistisch sind wir doch schließlich alle, so heißt es im Film. Wenn es wie hier bei harmlosen Neckereien bleibt, ist das ja auch in Ordnung. Die Kehrseite der Medaille sind Hass und Gewalt, wie wir das gerade wieder verstärkt im Nahen Osten erleben.

    Auch die Nebenrollen wie der wortkarge Psychologe (Élie Semoun) und insbesondere der konsumfreudige Pfarrer von Chinon (Loïc Legendre) tragen zur guten Unterhaltung bei. Lernt man sich erst einmal näher kennen, stellt man fest, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind, so lautet die Botschaft des Films. Außerdem trägt Alkohol zur Völkerverständigung bei, jedenfalls bei Claude und André. Das Ende ist mir ein bisschen zu rose bonbon, aber insgesamt ist der Film witzig, spritzig und damit genau das Richtige nach unserem gut begossenen Abendessen in der Pizzahütte und im Eiscafé. Sehenswert.

     

  9. 19. Wir sind die Neuen (Komödie, D 2014, R: Ralf Westhoff, D: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, 92 Min.), Cinemaxx 4, Freitag, 18.07.2014

    Nach einem von Signor G. ausgerichteten veganen Picknick auf dem Rasensofa am Potsdamer Platz sind wir an diesem heißen Sommerabend im fast leeren Kinosaal gelandet. Anne (Gisela Schneeberger) muss nach vielen Jahren aus ihrer Wohnung raus. Da sie sich bei den heutigen Mietpreisen kein neues Domizil in der Stadt leisten kann, macht sie aus der Not eine Tugend: Eine Wohngemeinschaft ist die Lösung, und zwar will sie ihre Studenten-WG aus den späten Seventies wiederbeleben. Zwei ehemalige Mitbewohner lehnen geradewegs ab, aber der zurückhaltende Johannes (Michael Winterborn) und der Draufgänger Eddi (Heiner Lauterbach) sind mit von der Partie.

    Zusammen beziehen die drei Jungsechziger eine geräumige Altbauwohnung. Über ihnen wohnen drei Studenten (Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg), die sogleich verlauten lassen, dass Ruhe und Ordnung zu herrschen hat, man müsse ja schließlich für die Prüfungen lernen. Das nehmen unsere junggebliebenen Senioren überrascht zur Kenntnis, hatten sie doch auf feuchtfröhliche Geselligkeit gehofft. Kein Wunder, konnte man vor 35 Jahren noch 18 Semester und länger an der Uni hocken, wird man heutzutage durch die knapp bemessene Regelstudienzeit viel schneller dem nährenden Busen der Alma Mater entwöhnt. Für Ausschweifungen bleibt da keine Zeit mehr, der Generationenkonflikt im Hause ist also vorprogrammiert.

    Die Vorschau versprach lockere Unterhaltung, daher war ich über die bitteren Töne erstaunt. Verpasste Chancen klingen an, zerbrochene Beziehungen sowie gescheiterte Ideale. Natürlich ist auch jemand unheilbar erkrankt, das bleibt aber eine Randnotiz. Die Figuren lernt man viel zu wenig kennen, um sich mit ihnen zu identifizieren. Letztendlich ist unklar, weshalb die beiden Männer so schnell bereit sind, ihre eigenen Wohnungen und somit ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Im Film ist alles so einfach, man zieht mit zwei Bananenkartons voller Bücher mal eben so um, Jahrzehnte eines Lebens passen in ein einziges Zimmer.

    Trotz aller Bemühungen kann man die guten alten Zeiten nicht aufleben lassen, denn das Leben mischt die Karten immer wieder neu. Natürlich kommt es zu einer Annäherung mit den jungen Leuten, was schließlich Sinn und Zweck des Films ist. Leider kann er sich nicht entscheiden, ob er nun eher lustig oder ernst sein will. Heraus kommt ein Gemischtwarenladen voller Klischees über die Gegensätze zwischen Jung und Alt, die brav abgearbeitet werden. Nur sind die Rollen hier umgekehrt: die disziplinierte Jugend trifft auf das chaotische Alter. Die deutsch-französische Koproduktion von 2011 Et si on vivait tous ensemble/Und wenn wir alle zusammenziehen ist um Klassen besser. Da der Film von der ARD mitproduziert wurde, wird er bald im Fernsehen laufen. Unterhaltsam ist er jedenfalls, damit gefällt er vielen und vergrätzt keinen und ist somit fürs Abendprogramm gleich nach der Tagesschau bestens geeignet. Annehmbar.

     

  10. 18. Edge of Tomorrow (Science-Fiction, USA 2014, R: Doug Liman, D: Tom Cruise, Emily Blunt, 113 Min.), Cinemaxx 10, Freitag, 11.07.2014

    Erst haben wir in der Pizzahütte zwei tolle neue Sorten ausprobiert, dann sind wir endlich mal wieder ins Kino gegangen. Da es zur Zeit keine interessanten Neustarts gibt, haben wir uns für diesen Film entschieden, der schon seit dem 29. Mai läuft.

    Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass das Militärische im Vordergrund steht und die Außerirdischen nur als Zielscheibe herhalten müssen. Tatsächlich sieht man zackige Märsche und martialisches Gerät, im Mittelpunkt steht allerdings ein geradezu unglaubliches Abenteuer, das unser Held wider Willen erlebt.

    Die Menschheit ist in Gefahr durch eine Invasion der Außerirdischen! Die sogenannten Mimics sind unzählige blitzschnelle Tentakelwesen, die von Deutschland aus bereits ganz Europa eingenommen haben. Ganz Europa? Nein! Das britische Eiland widersetzt sich den Eindringlingen. Von London aus soll eine Großoffensive der vereinten Weltstreitkräfte über den Ärmelkanal nach Frankreich starten.

    Hier treffen wir den degradierten und kurzerhand zum Kampfeinsatz abkommandierten Major Bill Cage (Tom Cruise). In einer transformerartigen Hightech-Montur steckend wird er aus dem Flugzeug mitten ins Gemetzel am Strand abgeworfen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen kämpft er ums Überleben und tötet zufällig einen ganz besonderen Außerirdischen, nämlich einen blauschillernden Alpha. Auch Cage kommt dabei ums Leben, trägt aber nun des Alphas Macht der Zeitzurücksetzung in sich.

    Und täglich grüßt das Murmeltier, denn Cage ist nun in einer Zeitschleife gefangen. Immer wieder erwacht er am Tag vor dem Einsatz, bei dem er früher oder später ums Leben kommt, um kurz darauf wiederum vor dem Einsatz aufzuwachen. Er ist verwirrt und verängstigt, bis er die taffe Soldatin Rita Vrataski (Emily Blunt) trifft, die sein Schicksal teilt und bereits einen Schlachtplan entworfen hat. Im allgemeinen Kampfgetümmel nutzen die beiden die einzigartige Chance der Zeitschleife, um Mittel und Wege zu finden, den zahlenmäßig weit überlegenen Feind zu schlagen. Dazu müssen sie das Herzstück beziehungsweise das Omega der Außerirdischen vernichten. Die Mimics sind nämlich wie staatenbildende Insekten ganz und gar auf ihre Königin angewiesen.

    Es ist wie im Videospiel, man lernt mit der Zeit dazu, vermeidet Sackgassen und kämpft sich voran - learning by doing sozusagen, Übung macht halt den Meister und auch die Meisterin. Aber nicht nur Außerirdischenbekämpfung, sondern auch Selbsterziehung findet hier statt, denn aus dem oberflächlichen Fatzke Bill Cage wird ein richtiger Held und letztendlich besserer Mensch.

    Die Landung der vereinten Weltstreitkräfte in der Normandie erinnert an den D-Day anno 1944. Dann spielt ausgerechnet die Glaspyramide im Innenhof des Louvre eine wichtige Rolle. Dieses Bauwerk beflügelt die Fantasie von Schriftstellern und Drehbuchautoren ungemein, da kann man dem Architekten I. M. Pei nur gratulieren. In The Da Vinci Code - Sakrileg (Buch 2003, Film 2006) liegt unter dieser Pyramide das Grab von Maria Magdalena, je nach Definition Heilige, Hure oder Urmutter des Christentums.

    Denken wir an World Invasion: Battle Los Angeles (2011) oder Battleship (2012) zurück, wo mit den Außerirdischen wahlweise Straßenkampf oder Schiffeversenken gespielt wird: Von diesen Gurken hebt sich dieser spannende und actionreiche Film wohltuend ab. Endlich sind wir mal wieder in den Genuss eines intelligenten Science-Fiction-Streifens ohne Familien- oder Patriotismusgedöns gekommen! Außerdem erleben wir einen überraschend guten Tom Cruise. Der Mann wird mit zunehmendem Alter immer besser. Sehenswert.

     

  11. 17. Maman und ich/Les garçons et Guillaume, à table! (Komödie, Frankreich/Belgien 2013, R: Guillaume Gallienne, D: Guillaume Gallienne, Françoise Fabian, 85 Min.), Cinemaxx 15, Freitag, 06.06.2014

    Guillaume Gallienne ist uns noch aus dem wunderbaren Panoramabeitrag Yves Saint Laurent in lebhafter Erinnerung geblieben, in dem er Pierre Bergé, den Lebens- und Geschäftspartner des Modezaren verkörpert. Hier präsentiert er sich als Tausendsassa, denn er ist nicht nur für Drehbuch und Regie verantwortlich, sondern übernimmt auch noch eine Doppelrolle. Er verarbeitet sein eigenes Leben, insbesondere die Beziehung zur Mutter, und spielt demzufolge nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau Mutter.

    Er stammt aus einem gutbürgerlichen Stall, in dem seine temperamentvolle Mutter das Zepter führt. Unter ihrer rauen Schale steckt ein weicher Kern, den Guillaume für sich einnehmen möchte. Im Gegensatz zu seinen sportbegeisterten, draufgängerischen Brüdern interessiert sich der sensible Junge für sogenannten Mädchenkram. Klar, dass er dadurch zum Außenseiter abgestempelt ist. Schutz und Geborgenheit sucht er bei seiner Mutter – leider meist vergebens. Da sie liebend gern eine Tochter gehabt hätte, behandelt sie ihn als solche, was ihn noch mehr isoliert und verunsichert.

    Nein, leicht hat er es nirgendwo, weder zu Hause noch auf dem englischen Internat. Alle denken, besser über ihn Bescheid zu wissen als er selbst, und genau das ist sein Problem. Er wird in die homosexuelle Ecke gedrängt, was ihm aber auch nicht zusagt. Erst als er sich in eine Frau verliebt, wird er sich seiner Männlichkeit und vor allem Heterosexualität bewusst. Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass Geschlechterklischees nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Nicht alle Männer interessieren sich für Fußball und nicht alle Frauen ausschließlich für KKK (und damit meine ich nicht den Ku-Klux-Klan!).

    Hier wird uns ein lauwarmer Aufguss der Geschlechterdiskussion geboten, der in den einschlägigen Zeitschriften hochgelobt wird und in Frankreich mit fünf Césars groß abgeräumt hat. Wahrscheinlich liegt es daran, dass man nun endlich über Guillaume Gallienne erfährt, was man schon immer wissen wollte und nicht zu fragen wagte. Diese Euphorie kann ich nicht teilen, da streckenweise gähnende Langeweile herrscht, auch wenn es zahlreiche lustige Szenen gibt, zum Beispiel die lockeren Sprüche (Champagner – Brause für die Menopause!) der leicht senilen Großmutter Babou (Françoise Fabian) oder die bajuwarische Kurklinik mit ihrem skurrilen Personal (Diane Kruger, Götz Otto). Insgesamt ist alles ganz nett, aber mehr auch nicht. Annehmbar.

     

  12. 16. Die zwei Gesichter des Januar/The Two Faces of January (Drama, Großbritannien/USA/Frankreich 2013, R: Hossein Amini, D: Viggo Mortensen, Kirsten Dunst, Oscar Isaac, 96 Min.), Delphi, Freitag, 30.05.2014

    Dieser Film lief im diesjährigen Berlinale Special. Anno 1962 macht das elegante amerikanische Ehepaar Chester (Viggo Mortensen) und Colette MacFarland (Kirsten Dunst) auf der Akropolis in Athen die Bekanntschaft eines weiteren Amerikaners: Der fließend Griechisch sprechende Rydal Keener (Oscar Isaac) verdingt sich als Fremdenführer und zieht den unbedarften Touristen gern ein paar Dollar mehr aus der Tasche. Aber auch Chester hat keine weiße Weste, obwohl er meist eine anhat, denn er hat seinen Reichtum durch Anlagebetrug erworben.

    Nach einem gemeinsamen Abend vergisst Colette im Taxi ihren güldenen Armreif, den Rydal ihr beflissen ins Hotel nachträgt. Natürlich hat er ein bis zwei Augen auf die attraktive Blondine geworfen! Dort wird er allerdings Zeuge, wie Chester gerade die Leiche eines Privatdetektivs aus dem Weg schafft. Wenige Minuten zuvor hat der Detektiv Chester mit vorgehaltener Waffe gestellt und ist beim anschließenden Handgemenge tödlich verletzt worden. Geistesgegenwärtig packt Rydal mit an. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Sie haben einige Stunden Vorsprung, bevor der Tote entdeckt wird. Schnellstmöglich müssen sie unauffällig das Land verlassen, am besten auf dem Seeweg über Kreta.

    Durch seine Sprach- und Landeskenntnisse ist Rydal für die abenteuerliche Flucht gut gerüstet, außerdem wirkt er mit der Zeit immer sympathischer. Dahingegen bröckelt Chesters elegante Fassade zusehends. Er ist abhängig von Rydal und zugleich rasend eifersüchtig, denn längst hat er bemerkt, dass es zwischen seiner jungen Ehefrau und dem gleichaltrigen Mann heftig knistert. Er selbst entpuppt sich als alkoholisierter Wüterich, zerzaust und staubig. Die Katze lässt das Mausen nicht, also belauern sich die beiden Männer gegenseitig, keiner traut dem anderen. Die arme Colette muss in der prallen Sonne durch Ruinenlandschaften stapfen. So hat sie sich ihren Urlaub nicht vorgestellt! Längst steht ihre Beziehung zu Chester auf der Kippe. Vielleicht hat sie das Armband sogar absichtlich im Taxi liegenlassen. Wir werden es nie erfahren, da die Situation in den Ruinen von Knossos eskaliert.

    Der Film besticht durch seine drei Hauptdarsteller Dunst, Isaac und Mortensen, die tapfer in den malerischen Ruinen der griechischen Antike herumkraxeln. Man denkt an Mr. Ripley, den talentierten, aber Anthony Minghellas Werk von 1999 bleibt unerreicht. Tom Ripley ist Chester MacFarland überlegen, denn er verlässt sich grundsätzlich nur auf sich selbst, während MacFarland durch seine Liebe zu Colette angreifbar ist. Trotz alledem kommt nicht so recht Spannung auf. Man müsste das Buch lesen, um festzustellen, ob es sich um einen der schwächeren Kriminalromane von Patricia Highsmith handelt. Annehmbar.

     

  13. 15. Godzilla (Action, USA 2014, R: Gareth Edwards, D: Aaron Taylor-Johnson, Ken Watanabe, 123 Min., 3D), Zoo Palast 2, Freitag, 23.05.2014

    Die letzte Godzilla-Verfilmung vom Spielbergle Roland Emmerich liegt schon 16 Jahre zurück. Bis auf den Titelsong „Come With Me“ von Puff Daddy und Jimmy Page ist sie zu Recht in Vergessenheit geraten. Umso mehr waren wir auf diese Neuverfilmung gespannt, die verheißungsvoll beginnt. Durch einen Super-GAU in einem japanischen Atomkraftwerk wird eine ganze Stadt verstrahlt. Sofort denkt man an Fukushima. Die Strahlung erweckt auch ein insektoides Riesenmonster, genannt Muto, zum Leben, das 15 Jahre später dem Lockruf eines weiblichen Mutos folgend über den Pazifik fliegt, um an der Westküste der USA einzufallen. Daraufhin nimmt die Riesenechse Godzilla schwimmend die Spur dieses männlichen Mutos auf.

    Mit ihrer Hochhausgröße sind diese Kreaturen wie Elefanten im Porzellanladen. Wo sie mit ihren Riesenfüßen hintreten, wächst kein Gras mehr. Sie richten verheerende Schäden an, erst auf Hawaii, dann in San Francisco. Die Zeit drängt, denn die Mutos müssen vernichtet werden, bevor sie sich vermehren und die menschliche Zivilisation bedrohen. Dabei erweist sich Godzilla als Helfer der Menschheit und Retter von San Francisco, was der Wissenschaftler Dr. Serizawa (Ken Watanabe) zwar frühzeitig erkennt, das Militär aber nicht einsehen will.

    Der Held der Stunde heißt Ford (weder Ford Our God noch Harrison Ford, sondern Aaron Taylor-Johnson), der bei dem Atomunglück damals seine Mutter (Juliette Binoche leider nur in einer kleinen Rolle) verloren hat. Nun ist er passenderweise beim Militär und selbst Vater eines kleinen Sohnes. Zu seinem eigenen Vater (Bryan Cranston), einem Atomwissenschaftler, der damals wie heute vor den riesigen Urviechern warnt, hat er ein gespanntes Verhältnis. Als der Vater im verstrahlten Sperrgebiet verhaftet wird, fliegt Ford nach Japan, um ihn auszulösen. Genau zu der Zeit begibt sich der männliche Muto auf die Reise. Ford schließt sich den kämpfenden Truppen an, um sein Land und seine Familie zu beschützen.

    Obwohl es an Action weiß Gott nicht mangelt, fließt die Handlung äußerst zäh dahin. Insbesondere die vielen militärischen Rumballerszenen sind langweilig. Eigentlich gute Schauspieler wie Ken Watanabe und Sally Hawkins bleiben farblos. Dazu klaffen im Drehbuch Logiklöcher von der Größe des Grand Canyon. Der Fokus liegt auf den Spezialeffekten allein, die zugegebenermaßen beeindruckend sind. Godzilla ist ein wahrlich knuffiges Monster, während seine beiden Gegenspieler so richtig fies daherkommen.

    Es ist ärgerlich, dass wir mit diesem unverdaulichen Brei aus Patriotismus und Familienidealismus abgefüttert wurden. Was hätte man nicht alles aus diesem wunderbaren Stoff machen können, zum Beispiel eine kritische Betrachtung der Atomkraft, die ja diese Monstren und Mutationen erst hervorgebracht hat. Das hat man sich aber nicht getraut, da die USA nach wie vor auf die Kernenergie setzen, sondern ist lieber auf Nummer sicher gegangen, um Geld an den Kinokassen zu scheffeln. Anscheinend bringt niemand mehr eine ordentliche Neuverfilmung von Godzilla zustande. Ärgerlich.