Meine Filme 2013

Von meinen insgesamt 19 Filmen waren 3 herausragend, 2 sehenswert mit Sternchen, 5 sehenswert, 4 diskussionswert, 4 annehmbar und 1 ärgerlich.

19. Star Trek Into Darkness (Science-Fiction, USA 2013, R: J.J. Abrams, D: Chris Pine, Zachary Quinto, 129 Min., 3D), Cinestar 5, Freitag, 14.06.2013

“Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“ Diese verheißungsvollen Sätze stehen am Anfang jeder Folge der legendären Fernsehserie Raumschiff Enterprise, die in den frühen 70er Jahren im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Wie sehr habe ich diese Serie geliebt! Da wir Menschen eigentlich nichts wirklich Neues wollen, sondern Heißgeliebtes in immer neuen Variationen bevorzugen, hat sich aus der Fernsehserie ein ganzes Star-Trek-Imperium entwickelt mit neuen Raumschiffen und Besatzungen sowie abendfüllenden Spielfilmen.

Die Hauptdarsteller der ersten Serie sind inzwischen keine Frühlingshühnchen mehr: William Shatner (22.03.1931) alias Captain James T. Kirk, Leonard Nimoy (26.03.1931) als sein Erster Offizier Spock, DeForest Kelley (20.01.1920-11.06.1999) alias Schiffsarzt “Pille” Dr. McCoy, James Doohan (03.03.1920-20.07.2005) als Chefingenieur “Scotty” Scott, Nichelle Nichols (28.12.1932) alias Kommunikationsoffizier Uhura, George Takei (20.04.1937) alias Lt. Sulu sowie Walter Koenig (14.09.1936) als Lt. Chekov. Als sie 1991 zu ihrem letzten gemeinsamen Filmabenteuer Star Trek VI: Das unentdeckte Land aufbrachen, lästerte man über die Seniorentruppe im Weltall.

Daher musste neuer Wein in alte Schläuche gefüllt werden. Nach Star Trek (2009) ist dies bereits der zweite Film mit neuen, jungen Schauspielern in den alten Rollen. Star Trek Into Darkness erzählt die direkte Vorgeschichte zur Fernsehserie und endet mit der berühmten Einleitung plus Titelmelodie. Die jungen Schauspieler machen ihre Sache großartig. Sie sind nicht nur einfache Abziehbilder ihrer Vorgänger, sondern hauchen ihren Figuren neues Leben ein. Mister Spock (wie heißt er eigentlich mit Vornamen?) fand ich schon immer unglaublich sexy, Zachary Quinto kann Leonard Nimoy in dieser Hinsicht durchaus das Wasser reichen. Der alte Spock hat sogar einen Kurzauftritt.

Jedenfalls kann sich die neue Besetzung sehen lassen: Chris Pine als Kirk, Zachary Quinto als Spock, Simon Pegg als Scotty, Karl Urban als McCoy, Zoe Saldana als Uhura, Anton Yelchin als Chekov und John Cho als Sulu, um die wichtigsten zu nennen. Außerdem wird Dr. Carol Marcus (Alice Eve) eingeführt, die eine wichtige Rolle in Kirks Leben spielen wird.

Allerdings sind und bleiben Kirk und Spock die zentralen Figuren, die trotz aller Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten eine unerschütterliche Freundschaft verbindet. Die Filmzeitschrift epd Film spricht sogar von einer Männerromanze. Ein Körnchen Wahrheit ist dabei, denn zwar sind Uhura und Spock in Star Trek Into Darkness ein Paar, aber diese Beziehung steht im Schatten der starken Verbindung zwischen Kirk und Spock.

Ach ja, die Geschichte: Die Crew der Enterprise bekommt es hier erstmals mit einem ihrer gefährlichsten Feinde zu tun, dem genmanipulierten Supermenschen Khan (Benedict Cumberbatch), den sie auf dem klingonischen Heimatplaneten Kronos festnehmen soll. Keine einfache Mission, denn mit den bösen Klingonen ist bekanntermaßen nicht gut Kirschen essen. Zudem lauert der Verrat ausgerechnet in den eigenen Reihen der Sternenflotte.

Die Ausstattung der alten Serie aus den Sechzigern wurde sanft modernisiert, unsere Helden laufen nicht mehr im Pulli rum, sondern tragen schicke Uniformen, und die Enterprise wirkt wesentlich geräumiger als seinerzeit. Die 3D-Effekte sind meiner Meinung nach unnötig, aber wenigstens einigermaßen angenehm fürs Auge. Sehenswert.

18. The Great Gatsby (Drama, USA 2013, R: Baz Luhrmann, D: Leonardo DiCaprio, Tobey Maguire, 142 Min.), Cinemaxx 8, Sonnabend, 01.06.2013

Die wilden Zwanziger sind durch eine starke Dynamik gekennzeichnet. Starre gesellschaftliche Konventionen lockern sich, der Mensch genießt mehr individuelle Freiheit. Frauen haben das Wahlrecht, tragen Bubikopf und kurze Kleider ohne einengendes Korsett. Autos, Kino und Schallplatten gehören zum Alltag. Die Börse brummt, durch geschickte Aktienspekulation werden viele reich. Insbesondere die Prohibition sorgt für Verdienstmöglichkeiten, da mehr denn je getrunken wird. Die Weltwirtschaftskrise liegt noch in weiter Ferne.

Im Frühjahr 1922 kommt Nick Carraway (Tobey Maguire) nach New York, um dort als Börsenmakler zu arbeiten. Er mietet auf Long Island ein kleines Häuschen. Nebenan wohnt der geheimnisvolle Geschäftsmann Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio) in einem pompösen Anwesen voller Gäste. Dass Nick der Cousin von Daisy Buchanan (Carey Mulligan) ist, die mit ihrem steinreichen Mann Tom (Joel Edgerton) auf der anderen Seite der Bucht wohnt, erregt Gatsbys Aufmerksamkeit. Gatsby ist nämlich von der bezaubernden Daisy besessen und setzt alles daran, die Vergangenheit mit ihr wieder aufleben zu lassen. Denn einst im Oktober 1917 waren der Offizier Jay Gatsby und die liebreizende Daisy Fay aus der besten Gesellschaft von Louisville zwei verliebte Turteltäubchen, bis er zum Kriegseinsatz nach Europa aufbrechen musste.

Leonardo DiCaprio ist einfach umwerfend. Wie schon an anderer Stelle erwähnt wird der Junge mit zunehmendem Alter immer besser. Schick zurechtgemacht ist er auch mit gebräuntem Gesicht und zart rosafarbenen Lippen. Zudem trägt er in der Schlüsselszene einen rosa Anzug.

Ein Fest für die Sinne, insbesondere für die Augen wird hier geboten: flotte Kostüme, dickes Make-up und gewagter Nagellack. Die Bubikopffrisuren haben es mir angetan, kurz und dennoch weiblich. Auch die von Jay-Z produzierte moderne Musik fügt sich gut ins große Ganze. Die erste Hälfte des Films wird dominiert von schwungvollen Kamerafahrten, opulenten Bildern in schillernden Farben sowie Glitter und Überfluss pur in jeder Hinsicht, sodass ein gewisser Sättigungseffekt eintritt. Zum Glück schlägt der Film im zweiten Teil ruhigere Töne an, die den melancholischen Kern zum Vorschein kommen lassen, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und die sorglose Gesellschaft der Schönen und Reichen ist in erster Linie oberflächlich und nur an materiellen Dingen interessiert. Mit einem Träumer wie Jay Gatsby kann sie nichts anfangen. Liebe und Freundschaft zählen hier nicht. 

Trotz der Überlänge vergeht die Zeit wie im Fluge. Das ist eine rundum gelungene Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von F. Scott Fitzgerald. Das nur 140 Seiten umfassende Buch habe ich nach dem Filmgenuss in einem Zug durchgelesen. So bitter wie das Fazit des Films ist die Tatsache, dass das Buch heutzutage zu den modernen Klassikern gehört, aber in seinem Erscheinungsjahr 1925 alles andere als ein Bestseller war. Herausragend.

17. 5 Jahre Leben (Drama, Deutschland/Frankreich 2012, R: Stefan Schaller, D: Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, 96 Min.), Hackesche Höfe 2, Freitag, 31.05.2013

Das US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingerichtet. Seitdem hat es immer wieder Berichte über die dort herrschende Willkür und Folter gegeben. Präsident Obama hat zwar versprochen, diesen hässlichen Stachel in der Rechtsstaatlichkeit der Vereinigten Staaten von Amerika zu entfernen, passiert ist allerdings bisher nichts.

Der in Deutschland aufgewachsene Türke Murat Kurnaz kann ein Lied davon singen, hat er doch fast fünf Jahre in dem berüchtigten Internierungslager in der Karibik zugebracht. Damals hat mich seine Geschichte, die 2006/2007 durch die Medien ging, nicht besonders interessiert. Außerdem wirkte der verschlossene Mann mit der wallenden Mähne und dem Rauschebart eher unheimlich auf mich.

Nun wird seine Geschichte vom Jungregisseur Stefan Schaller in seiner Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg erzählt. Murat Kurnaz (Sascha Alexander Gersak) wird als rechtschaffener junger Mann dargestellt, der in der Türsteherszene arbeitet und des Öfteren mit Gewalt konfrontiert wird. Als sein bester Freund erschossen wird, sucht und findet er Trost im islamischen Glauben. Als strenggläubiger Muslim will er unbedingt eine Koranschule in Pakistan besuchen, und das ausgerechnet kurz nach dem 11. September 2001. Da ist er zur falschen Zeit am falschen Ort, denn die USA ziehen in Pakistan und Afghanistan gegen Al-Qaida zu Felde.

Kurnaz wird in Pakistan verhaftet und nach Guantanamo gebracht, wo er die Hölle auf Erden erlebt. Die näheren Umstände seiner Verhaftung erfahren wir nicht. Im Lager ist er auf Gedeih und Verderb seinen Bewachern ausgeliefert. Die Verhörmethoden sind rabiat, drakonische Strafen werden willkürlich angeordnet. Wochenlang muss er ohne jede Beschäftigung in einer lichtdurchfluteten Zelle ausharren, in der die Augen vor der Helligkeit kapitulieren. Anspruch auf einen Rechtsbeistand gibt es nicht, und die deutschen Behörden üben sich in Zurückhaltung.

Der Film ist anfangs etwas langatmig, gewinnt aber immer mehr an Intensität. Die Folterszenen sind nur schwer zu ertragen. In dem Zusammenhang fällt mir der sehenswerte Film The Road to Guantanamo (2006) von Michael Winterbottom ein, in dem eine ähnliche Geschichte erzählt wird: Hier sind es drei junge Briten mit pakistanischen Wurzeln, die auf ihrer Abenteuerreise durch Afghanistan verhaftet werden. Im Gegensatz zu Schaller konzentriert sich Winterbottom auf den titelgebenden Weg nach Guantanamo, also auf die zur Verhaftung führenden Umstände. Das alte Sprichwort “Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um” hat recht. Wie dem auch sei, skandalös ist und bleibt die Tatsache, dass Menschen ohne Urteil und Prozess jahrelang in Guantanamo festsitzen, auch der Terrorverdacht gegen Kurnaz hat sich nicht erhärtet. Diskussionswert.

16. Saiten des Lebens/A Late Quartet (Drama, USA 2012, R: Yaron Zilberman, D: Philip Seymour Hoffman, Christopher Walken, 105 Min.), Cinema Paris, 10.05.2013

Seit 25 Jahren ist das Streichquartett The Fugue nun schon zusammen: Daniel (Mark Ivanir) spielt die erste Geige, Robert (Philip Seymour Hoffman) die zweite Geige, seine Ehefrau Juliette (Catherine Keener) ist Bratschistin und der Senior Peter (Christopher Walken) sitzt am Cello. Im Gegensatz zu einem Solokünstler, der mit ständig wechselnden Orchestern arbeitet, hat so ein Streichquartett die Möglichkeit, die Interpretation seiner Musikstücke im Laufe der Jahre gemeinsam weiterzuentwickeln. Allerdings muss man sich auch zusammenraufen und akzeptieren, dass man nur Teil einer Gruppe ist.

Als Peter seine Parkinson-Erkrankung und somit seinen baldigen Abschied von The Fugue verkündet, kommen seit langen Jahren schwelende Konflikte zum Ausbruch. Robert ist es leid, immer nur die zweite Geige zu spielen, sowohl beruflich als auch privat. Der strikte Führungsstil des kühlen Perfektionisten Daniel, der allen Veränderungen und Risiken abgeneigt ist, ist Robert schon lange ein Dorn im Auge. Außerdem gehört Juliettes Herz nicht Robert, sondern in erster Linie Peter, der sie damals unter seine Fittiche nahm, sowie Daniel, mit dem sie vor Roberts Zeit zusammen war. Dann trifft Amors Pfeil ausgerechnet Daniel und Alexandra (Imogen Poots), Roberts und Juliettes erwachsene Tochter, eine vielversprechende Nachwuchsgeigerin, was das Fass der Emotionen endgültig zum Überlaufen bringt.

Das ist keine einfache Situation, denn unser Streichquartett ist privat zu eng miteinander verquickt, als dass ein rein professioneller Umgang möglich wäre. Wird es die Zerreißprobe bestehen und zusammenbleiben, damit Daniel, Robert und Juliette zum letzten Mal gemeinsam mit Peter Beethovens Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131 aufführen können? Dieses Musikstück besteht aus sieben Sätzen, die ohne Pause durchgespielt werden müssen. Da sich währenddessen die Instrumente verstimmen, sind nicht nur Können und Geschick der Musiker, sondern auch ihr Zusammenhalt in besonderem Maße gefordert.

Die erste halbe Stunde ist ziemlich langatmig, danach kommt der Film in Fahrt, sodass die zweite Hälfte wesentlich besser ist als die erste. Das vorhersehbare Ende ist rührselig und mit der passenden Musik vom Großmeister Beethoven unterlegt. Diese Schwächen werden von den großartigen Schauspielern kompensiert, außerdem ist der Einblick in die Musikerwelt durchaus interessant. Auch die schicken New Yorker Apartments, in denen unsere Streicher wohnen, beeindrucken. Dieser Beruf scheint sich ja pekuniär zu lohnen, wenn man in der oberen Liga mitspielt. Diskussionswert.

15. I, Anna (Psychothriller, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011, R: Barnaby Southcombe, D: Gabriel Byrne, Charlotte Rampling, 91 Min.), Cinemaxx 14, Freitag, 03.05.2013

Ah, nach langer Abstinenz haben wir endlich mal wieder in der Pizzahütte geschlemmt, um uns im Anschluss dem Genuss von I, Anna hinzugeben. Auf diesen Film haben wir sehnsüchtig gewartet, nachdem wir ihn anno 2012 im Berlinale Special verpasst hatten.

In einem seelenlosen Londoner Wohnsilo wird ein Toter aufgefunden, erschlagen mit einem Kunstobjekt. Wer ist der Täter? Kriminalhauptkommissar Bernie Reid (Gabriel Byrne) ist als Erster am Tatort. Im Foyer begegnet ihm die attraktive, rätselhafte Anna (Charlotte Rampling), die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. Kurz darauf treffen sie sich unter den Namen Kevin und Allegra bei einem Dating-Abend in einer Bar wieder. Sie fühlen sich sofort zueinander hingezogen, vielleicht weil beide einsam und verletzlich sind. Bernie ist von seiner Frau getrennt und lebt im Hotel, seine Arbeit erledigt er routiniert, wenn auch ohne Begeisterung. Anna erzählt, dass sie ihre kleine Wohnung mit Tochter und Enkelin teilt.

Lange Zeit fragt man sich, welche Richtung der Film einschlägt. Ist es ein Krimi, der sich um die Lösung des Mordfalls dreht? Welche Rolle spielt die geheimnisvolle Anna, die gern elegant gekleidet auf hohen Absätzen durch die Gegend streift? Dann erhält man endlich die ersten Hinweise und befleißigt sich, Annas Geheimnis und somit ihre tragische Geschichte zu entschlüsseln.

Die Polizisten sitzen in einem Großraumbüro ohne Tageslicht, die Menschen leben in Wohnsilos aus nacktem Beton. Nein, London zeigt sich nicht von seiner besten Seite, Schönheit und Gemütlichkeit sucht man hier vergebens. Passend zu der trostlosen Umgebung, in der die Nacht zum Tag wird, ist niemand fröhlich und beschwingt. Melancholie, Müdigkeit und Tristesse sind an der Tagesordnung. Auch ein Abend in der Single-Bar verspricht lediglich einen Abklatsch von menschlicher Wärme und Zuwendung, nämlich ein paar Gläser Prosecco, gefolgt von einem langsamen Tanz und einer schnellen Nummer zu Hause im Wohnsilo. Nur bei Bernie und Anna sind echte Gefühle im Spiel.

Die depressive Stimmung mit passender Musikuntermalung erinnert an Blade Runner (1982). Dabei ist die Geschichte Nebensache, getragen wird dieser Neo-Noir von der kühlen, urbanen Atmosphäre und vor allem von den beiden Hauptdarstellern, die übrigens keine Frühlingshühnchen mehr sind. Gabriel Byrne (*12. Mai 1950) und Charlotte Rampling (*5. Februar 1946) verkörpern die fragilen und einsamen Seelen ihrer Figuren ganz wunderbar, sodass man sie einfach nur in den Arm nehmen, beschützen und trösten möchte. Insgesamt war das ein gelungener Abend, sowohl kulinarisch als auch cineastisch. Sehenswert.

14. Eine Dame in Paris/Une estonienne à Paris (Drama, Frankreich/Estland/Belgien 2012, R: Ilmar Raag, D: Jeanne Moreau, Laine Mägi, 94 Min.), Kant 4, Freitag, 26.04.2013

Paris! Von dieser Stadt träumte Anne (Laine Mägi) als junge Studentin der französischen Sprache in Estland. Dann kamen Heirat, zwei Kinder, später die Scheidung. Schließlich kümmerte sie sich jahrelang um ihre kranke Mutter. Zum Träumen blieb da keine Zeit mehr. Nach dem Tod der Mutter fühlt sie eine innere Leere, ihre Kinder sind längst erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Als das Angebot kommt, in Paris als Pflegerin einer Exil-Estin zu arbeiten, zögert sie nur kurz.

Schon bald landet Anne mit ihrem Koffer in Paris-Charles-de-Gaulle. Es ist immer wieder faszinierend, dass man im Film sein ganzes bisheriges Leben in nur einem Koffer verstauen kann. Ihr Schützling Frida (Jeanne Moreau) empfängt sie äußerst ungnädig und gibt ihr zu verstehen, dass sie unwillkommen ist. Aber so leicht gibt Anne nicht auf, zumal Stéphane (Patrick Pineau), einst Fridas wesentlich jüngerer Liebhaber und nun ihr einzig verbliebener Freund, sie inständig bittet zu bleiben. Außerdem ist sie ja in der Stadt ihrer Träume! In Stéphanes Café findet sie Zuflucht, wenn es Stress mit Frida gibt. Kraft geben ihr auch ihre abendlichen Spaziergänge durch die Stadt.

Es kommt, wie es kommen muss, auf die Dauer kann Frida sich der freundlichen Hartnäckigkeit ihrer Landsmännin nicht entziehen, zumal Anne eine intelligente Gesprächspartnerin ist, die sich wirklich für Frida interessiert. Und siehe da, unter der rauen Schale steckt ein weicher Kern. Frida gibt zwar gerne mal an mit Pariser Chic und verflossenen Liebschaften, ist aber eigentlich ganz umgänglich - wenn sie will. Anne wagt sich immer mehr aus ihrem Kokon heraus und gewinnt an Selbstvertrauen. Vielleicht bahnt sich sogar eine Liebesgeschichte mit Stéphane an.

Jeanne Moreau, die im Januar ihren 85. Geburtstag feierte, ist einfach wunderbar. Laine Mägi überzeugt als graue Maus, die sich zur selbstbewussten, attraktiven Frau wandelt. Eine Dame in Paris bietet uns nichts Neues: Paris als Projektionsfläche für Lebensträume, die Verwandlung vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan, aus Abneigung wird Freundschaft und das Happy End ahnt man schon am Anfang. Das macht aber nichts, der Film beeindruckt gerade durch seine leisen Töne jenseits des Spektakulären, auch wenn manchmal etwas Langeweile aufkommt. An diesem regnerischen Frühlingsabend denkt man noch lange an Anne und Frida in Paris. Sehenswert.

13. Die Nordsee - Unser Meer (Doku, Deutschland 2013, R: Jan Haft, Thoralf Grospitz, Jens Westphalen u.a., 94 Min.), Cubix 3, Donnerstag, 25.04.2013

Die niedliche Robbe auf dem Plakat lockte mich in den Kinosaal. Schon lange habe ich keine gepflegte Naturdokumentation mehr genossen. Meine Highlights des letzten Jahrzehnts sind Nomaden der Lüfte (2001), Unsere Erde (2007) und Unsere Ozeane (2010).

Die einsamen Halligen, die endlosen Betonstrände des Wattenmeers und die Vogel- und Kegelrobbenkolonien der Insel Helgoland sind jedem Nordsee-Fan ein Begriff. Hier beginnt die Reise, bevor sie weiter gen Norden geht. Dort ist die Natur urwüchsiger mit Dänemarks hoher Wanderdüne und Norwegens Fjorden. Während es an der deutschen Küste nur die kleinen Schweinswale gibt, tummeln sich vor Norwegen die großen Exemplare. Dann kommt ein Schwenk nach Westen: Schottlands wildromantische Küste, die Kreidefelsen von Dover und schließlich die Niederlande, die tapfer dagegen ankämpfen, vom Meer verschluckt zu werden. Auch die geheimnisvolle Unterwasserwelt der Nordsee wird ausgiebig gezeigt.

Verschiedene Naturfilmer haben ihren Beitrag zu dieser Dokumentation geleistet. Probleme wie Umweltverschmutzung oder Überfischung werden nicht angesprochen, aber diesen Anspruch hat der Film auch nicht. Hier geht es allein darum, die Vielfalt der Nordsee in atemberaubend schönen Bildern zu präsentieren. Dazu spricht Axel Prahl den Erzählerkommentar mit Lust und Laune, die Musikuntermalung ist angenehm dezent und zugleich abwechslungsreich. Fazit: Wer bei Nordsee nur an Fischbrötchen denkt, sollte sich von der Schönheit unseres Meeres und seiner Küste inspirieren lassen, zum Beispiel durch diesen Film. Sehenswert.

12. Das Wochenende (Drama, Deutschland 2012, R: Nina Grosse, D: Katja Riemann, Sebastian Koch, 96 Min.), Delphi, Freitag, 19.04.2013

Nach langer Kinoabstinenz waren wir heute nach einem klassischen Abendessen im Quasimodo mal wieder im schönen Delphi Filmpalast zur Spätvorstellung, die dort allerdings bereits um 20.30 Uhr beginnt.

Der Ex-Terrorist Jens Kessler (Sebastian Koch) wird nach langen Jahren Haft entlassen. Er findet Unterschlupf bei seiner Schwester Tina (Barbara Auer). Sie will ihm eine Freude machen und organisiert eine Willkommensfeier in ihrem Wochenendhaus in der brandenburgischen Provinz. Dort besitzt sie eine schöne alte Villa mit leicht verfallenem Charme.

Tina lädt alte Weggefährten ihres Bruders ein. Da wäre Inga (Katja Riemann), seine einstige Freundin und Mutter seines einzigen, längst erwachsenen Sohnes Gregor, um den er sich nie gekümmert hat, nicht mal per Brief. Inga ist inzwischen mit dem gutsituierten Feinschmecker Ulrich Lansky (Tobias Moretti) verheiratet, mit dem sie die 18jährige Tochter Doro hat. Auch Henner (Sylvester Groth), der sich rechtzeitig von der RAF löste und inzwischen seine Erinnerungen erfolgreich in Büchern verarbeitet, ist anwesend. 

Was für eine gespenstische Veranstaltung hat Tina da nur angezettelt! Die Stimmung ist äußerst angespannt und alles andere als gemütlich, wie es der Ausflug zur Fischzucht mit anschließendem Grillabend suggeriert. Als dann auch noch Doro (Elisa Schlott) und Gregor (Robert Gwisdeck) eintreffen, wird kräftig Öl ins Feuer gegossen. Ist es ein Zeichen von Stärke oder Schwäche, wenn man an den alten Idealen festhält?

Bernhard Schlinks zugrundeliegender gleichnamiger Roman ist von der Geschichte des ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar inspiriert, der Ende 2008 nach 26 Jahren Haft entlassen wurde, was Diskussionen und Proteste in der Öffentlichkeit auslöste.

Katja Riemann ist mit den glatten, dunkelblonden Haaren kaum wiederzuerkennen. Ihre Filmfigur ist zurückhaltend und entspricht so gar nicht dem Zickenimage der Riemann. Inga ist hin- und hergerissen zwischen ihrer großen Liebe Jens, dem die Revolution wichtiger war als sie, und Ulrich, der sich seit vielen Jahren fürsorglich um sie kümmert.

Schade, aus den guten Zutaten, die der malerische Ort und die guten Schauspieler liefern, und vor allem aus dem interessanten Thema hätte man viel mehr machen können. Da der Film vom ZDF mitproduziert wurde, werden wir ihn wohl bald im Fernsehen sehen. Zu Hause im Fernsehsessel hätte ich allerdings nicht so viel Geduld mit diesem etwas langatmigen Drama gehabt und umgeschaltet. Annehmbar.

11. Spring Breakers (Drama, USA 2012, R: Harmony Korine, D: James Franco, Selena Gomez, 92 Min.), Cinemaxx 6, Dienstag, 26.03.2013

Spring Break ist bei uns kein Fremdwort mehr, wenn man an die komasaufenden Abiturienten am Ballermann denkt. In den USA gehören die Semesterferien im Frühling schon lange zum Studentenleben. So schwärmen die Studenten aus in den sonnigen Süden, um an den Stränden Floridas und anderswo mal so richtig die Sau rauszulassen.

Auch die vier Freundinnen Candy (Vanessa Hudgens), Faith (Selena Gomez), Brit (Ashley Benson) und Cotty (Rachel Korine) zieht es gen Süden. Den Urlaub finanzieren sie kurzerhand durch einen Raubüberfall. Am Urlaubsort fallen die Hemmungen und Hüllen bis auf kleine, bunte Bikinis. Der Alkohol fließt in Strömen, zudem werden Drogen und Jungs auf dem Silbertablett serviert. Das reinste Paradies, daher wollen die vier Mädchen nie mehr zurück nach Hause in die Tristesse der Kleinstadt. Der Mensch ist eben vergnügungssüchtig, quod erat demonstrandum.

Als sie wegen Drogenkonsums verhaftet werden, kommen die Mädels auf den Boden der Tatsachen zurück. Frierend sitzen sie nur mit Bikini und Schlappen bekleidet in der Gefängniszelle. Im Saal des Schnellrichters wird der amoralische Drogendealer und Gangsta-Rapper Alien (James Franco) auf die vier Freundinnen aufmerksam und bezahlt kurzentschlossen ihre Kaution. Nun ziehen sie mit ihm durch die Gegend. Durch Drogenhandel ist Alien reich geworden, mit seiner imposanten Schusswaffenkollektion hält er sich seine Feinde vom Hals. James Franco sieht hier endlich mal anständig aus, nicht so ranzig wie sonst. Scherz beiseite, unser Sonnyboy zeigt Mut zur Hässlichkeit mit seinen Rastazöpfchen und der scheußlichen goldenen Zahnspange. 

Alien glaubt, dass sein Imponiergehabe und seine lockeren Sprüchen die Mädchen mächtig beeindrucken. Diese sind allerdings selbst ganz schön taff und schrecken sogar vor dem exzessiven Schusswaffengebrauch nicht zurück. Damit können sie Alien allemal das Wasser reichen. Dieser ist ganz entzückt und geht mit seinen bösen Engeln, die in neongelben Bikinis und pinkfarbenen Sturmhauben mit Einhornmotiv auftreten, auf Raubzug, wobei sie es ordentlich krachen lassen. Es kommt, wie es kommen muss, die Gewaltorgien enden in einer Katastrophe.

Mit seinen bunten und schnell wechselnden Bildern sowie der passenden Musik kommt der Film wie ein Videoclip daher. Unter anderem werden Hits der guten alten Britney Spears reanimiert: Die Mädels stimmen “Baby One More Time” von 1998 an und singen das melancholische “Everytime” von 2003 zusammen mit Alien am Klavier. Leider ist Spring Breakers trotz der regulären Spielzeit von anderthalb Stunden zu lang geraten, denn die Geschichte bleibt an der Oberfläche, anstatt den Figuren auf den Zahn zu fühlen. Nur bunte Bilder plus Musik reichen eben nicht für einen abendfüllenden Spielfilm, da hatten wir uns mehr versprochen. Annehmbar.

10. No (Drama, Chile/Mexiko 2012, R: Pablo Larraín, D: Gael García Bernal, Alfredo Castro, 118 Min.), Hackesche Höfe 1, Freitag, 15.03.2013

No ging als chilenischer Beitrag für den Auslandsoscar ins Rennen, das er gegen Amour/Liebe von Michael Haneke verloren hat. Chile im Jahre 1988: Seit 15 Jahren regiert General Augusto Pinochet das Land mit eiserner Hand, nachdem er 1973 durch einen Staatsstreich die Regierung von Salvador Allende gestürzt hat. Um seine Herrschaft im Lande und vor allem international zu legitimieren, setzt er eine Volksabstimmung für den 5. Oktober 1988 an, die ihn im Amt bestätigen soll - oder eben nicht.

Dazu werden jeweils 15minütige Wahlwerbespots im Fernsehen ausgestrahlt, zum einen die -Kampagne für den General und zum anderen die No-Kampagne gegen ihn. Allerdings ist Pinochet nach all den Jahren an der Macht siegesgewiss. Der alte Wolf frisst sogar Kreide und zeigt sich fortan im Anzug statt in Uniform. Dazu schwingt er große Reden, die versöhnlich und so gar nicht nach Militärdiktatur klingen.

Der gefragte Werbefachmann René Saavedra (Gael García Bernal) soll die No-Kampagne entwerfen und leiten. Das ist keine leichte Aufgabe, denn in seinem Team von Pinochet-Gegnern gibt es endlose Diskussionen und gar Streit über die ideale Kampagne. Zudem macht die Militärregierung der Opposition nach wie vor das Leben schwer, Regimegegner werden verhaftet, No-Kundgebungen werden gewaltsam aufgelöst und René selbst und seine Familie werden bedroht, sodass er gezwungen ist, seinen kleinen Sohn Simón an einem sicheren Ort unterzubringen.

Trotz aller Widerstände setzt sich René durch und entwirft eine optimistische, zukunftsgerichtete No-Kampagne, deren Symbol der Regenbogen ist, der die verschiedenen Strömungen und Parteien im Land vereint. Pikanterweise ist Renés Chef in der Werbeagentur, Lucho Guzmán (Alfredo Castro) gleichzeitig der Leiter der -Kampagne, die mit dem Slogan “Chile - país ganador (Chile - Gewinnerland)” wirbt. Die Teams beider Kampagnen beäugen sich misstrauisch und schrecken nicht davor zurück, sich gegenseitig zu kopieren oder gar zu diskreditieren.

Mit seinem halbdokumentarischen Stil und den authentischen Werbespots der damaligen Wahlkampagnen ist No interessant und lehrreich, auch wenn 90 statt 118 Minuten genügt hätten, um die Botschaft zu vermitteln. Nach 15 Jahren Militärdiktatur hat sich das Volk von der Diktatur verabschiedet und für die Demokratie entschieden. Um dem Film den Anstrich einer Dokumentation zu geben, ist das Bild von schlechter Qualität, wie man es mit einer Feld-Wald-Wiesen-Kamera für den Hausgebrauch aufnimmt. Das fällt einem allerdings so richtig erst im Abspann auf, als endlich fürs Auge angenehme Bilder geboten werden, auf die man fast zwei Stunden lang verzichten musste. Diskussionswert.

9. Vergiss mein nicht - Wie meine Mutter ihr Gedächtnis verlor und meine Eltern die Liebe neu entdeckten (Doku, Deutschland 2012, R: David Sieveking, 92 Min.), Babylon Mitte 2, Dienstag, 12.03.2013

Dieser Film ist schon vor einigen Wochen angelaufen, wird aber immer noch in diversen Lichtspieltheatern gezeigt. arte war an der Produktion beteiligt, daher werden wir ihn bestimmt bald im Fernsehen sehen. Trotzdem bin ich froh, dass ich ihn mir heute angeschaut habe, und zwar im kleinen, recht gut besuchten Studio des Babylon Mitte. Eigentlich wollte ich Vergiss mein nicht auf keinen Fall sehen, da ich den Verdacht hatte, dass sich der Regisseur auf Kosten seiner demenzkranken Mutter profilieren wollte. Erst nachdem ich eine Vorschau inklusive Gespräch mit David Sieveking gesehen habe, habe ich meine Meinung geändert.

Wenn David Sieveking früher seine Eltern in Bad Homburg besuchte, hatte seine gut organisierte Mutter stets sein Lieblingsgericht auf der Pfanne. Dann baute sie immer mehr geistig ab, vergaß an Weihnachten Davids Geschenk und servierte eine schnöde Gemüsesuppe statt einer Weihnachtsgans. Die Familie war alarmiert, denn all die Jahre war Gretel Sieveking Herz und Seele des Hauses, zudem Finanzministerin und große Organisatorin sämtlicher familiärer Aktivitäten. Die Diagnose ist klar: Gretel ist wie bereits ihre Mutter an Alzheimer erkrankt. Nichts ist mehr wie vorher. Dabei sind ihre sozialen Fähigkeiten bzw. ihr Interesse an der Kommunikation mit anderen Menschen völlig intakt, während sie in Raum und Zeit verloren ist. Immerhin hat sie meist gute Laune und sorgt mit ihren Kommentaren frei von der Leber weg für Heiterkeit. Andererseits erkennt sie oft nicht mal mehr ihren Mann und ihre drei erwachsenen Kinder.

Malte Sieveking, ein emeritierter Mathematik-Professor (ausgerechnet Mathe!) kümmert sich aufopferungsvoll um seine kranke Frau, sozusagen als Wiedergutmachung für früher, als er nur auf seine Karriere erpicht war und die Familie vernachlässigt hat. Als er einen Erholungsurlaub antritt, zieht der jüngste Sohn David Sieveking (*1977) wieder in sein altes Kinderzimmer, um den Vater zu entlasten. So entsteht auch die Idee zum Film, die David als Regisseur und Erzähler in die Tat umsetzt. Die Pflegetätigkeit ist anstrengend, da man einen Demenzkranken nie allein lassen darf. David erforscht in alten Fotoalben und Dokumenten die Geschichte seiner Mutter, Jahrgang 1937, die in der Studenten- und Frauenbewegung aktiv war. Auf den Schwarzweiß-Fotos der sechziger Jahre sieht man eine sehr attraktive, dunkelhaarige Frau im Look der Zeit.

Es ist schrecklich, den geistigen Verfall der eigenen Mutter miterleben zu müssen. Die patente Frau, die sie einst gewesen ist, gibt es nicht mehr, das muss man lernen zu akzeptieren. Daran führt kein Weg vorbei, das ist die erste Lektion im Demenz-Seminar. Da man nicht dauerhaft traurig sein kann und Lachen die beste Medizin ist, ist ein heiter-gelassener Umgang mit der Kranken, so wie er im Film praktiziert wird, am besten für alle Beteiligten. Freud und Leid liegen nah beieinander.

Man merkt, dass David Sieveking stets ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hatte. Vergiss mein nicht stellt die Kranke zu keiner Zeit bloß, es ist ein wunderbarer, durchaus humorvoller und teilweise zu Tränen rührender Film, mit dem der Regisseur seiner Mutter, die im letzten Jahr kurz vor der Vollendung ihres 75. Lebensjahres verstorben ist, ein liebevolles Denkmal setzt. Das Buch zum Film werde ich auch noch lesen. Herausragend.

8. Sightseers (Komödie, Großbritannien 2012, R: Ben Wheatley, D: Alice Lowe, Steve Oram, 92 Min.), Central 2, Freitag, 08.03.2013

Letzten Sonnabend war dieser Film im Filmkunst 66 bereits ausverkauft, und auch gestern Abend war das Central gut besucht. Sightseers scheint sich ja zum Geheimtipp entwickelt zu haben, denn trotz der durchgehend guten Kritiken war uns der Film nicht aufgefallen. Da hätten wir dieses Kleinod beinahe verpasst.

Die 34jährige Tina (Alice Lowe) wohnt noch bei ihrer verschrobenen Mutter Carol (Eileen Davies), die ihr den tragischen Unfalltod des Hausterriers Poppy nicht verzeiht, der durch Tinas Stricknadeln verursacht wurde. Endlich kommt Tina zum ersten Mal heraus aus ihrer häuslichen Enge, als ihr neuer Freund, der rothaarige Chris (Steve Oram) mit einem Wohnwagen vor der Tür steht. Gemeinsam will das frischverliebte Paar durch Yorkshire reisen.

Die Reise könnte so romantisch sein, wären da nur nicht die anderen Leute, die rücksichtslos ihren Abfall liegenlassen oder durch Klugscheißerei und andere Marotten nerven. Kurzerhand ermordet Chris jeden, der ihm in die Quere kommt und stellt so seine geliebte Ruhe und Ordnung wieder her. Von jedem Tatort wird ein Souvenir mitgenommen, darunter der süße weiße Terrier Banjo, den Tina sofort in Poppy umtauft. Für die Mordlust ihres offensichtlich psychopathischen Freundes zeigt Tina nicht nur Verständnis, sondern erweist sich als gelehrige Schülerin. Zum Schluss übertrifft die Novizin sogar ihren Meister.

Skurrile Typen, derber Humor: Der Regisseur Ben Wheatley geht mit seiner Heimatinsel nicht gerade zimperlich um, wenn er Klischees über Britanniens Sitten und Gebräuche verarbeitet. So skandieren die Damen der feuchtfröhlichen Hennenparty vor dem Eintreffen des Strippers im Restaurant ein frivoles “One in the Pink, One in the Stink”, bevor die eifersüchtige Tina der zukünftigen Braut Chailey, die den rotbärtigen Chris umgarnt, den Garaus macht.

Das Sightseeing zeigt ein ganz anderes Großbritannien als die großangelegte Tourismuskampagne You’re invited. Das Straßenbahn- und Bleistiftmuseum plus die Campingplätze in Yorkshire wirken alles andere als chic und cool. Das Wetter ist auch eher trübe, was der melancholischen Schönheit der Insel allerdings keinen Abbruch tut.

Die Minderwertigkeitskomplexe der Arbeiterklasse werden aufs Korn genommen. Attribute wie Sabbatjahr und Schriftstellerei, die Chris für sich beansprucht, passen überhaupt nicht zur working class. Und so entpuppt sich das Sabbatical als Arbeitslosigkeit und das Bücherschreiben geht auch nur mühsam von der Hand. In das Bild passen Tinas altmodische Karottenjeans, wenn sie nicht gerade im selbstgestrickten, altrosafarbenen Bikini ihren Chris betört oder mit Bademantel und Gummistiefeln aus dem Wohnwagen steigt. 

Horror trifft Humor, das ist zur Zeit angesagt. Selbst für zartbesaitete Seelen sind solch lustig verpackte Szenen, in denen Filmblut spritzt und Plastikhirn hervorquillt, gut verträglich. Die Belgier haben sowieso ein Faible für skurrile Typen wie in Kill Me Please (2010). Auch die Briten lieben schwarze Komödien, siehe Seven Psychopaths aus dem letzten Jahr. Nicht zuletzt lässt es Quentin Tarantino in seinem Neo-Western Django Unchained ordentlich krachen. Mal sehen, wie sich unser Hai-Alarm am Müggelsee im Vergleich dazu schlägt. Sehenswert.